Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684615
Drittes Kapitel. 
Gothischer St-yl. 
453 
Hülfe kam.  Der decorative Styl, der bis tief in's 16. Jahrh. hinein-' 
reicht, hält im Allgemeinen hier eine ruhigere Mittellinie ein und steigert 
sich weder zu der üppigen Verschwendung, noch zu der völligen Auflösung 
der Formenwelt in ein phantastisches Spiel, wie in England. Eine strengere 
Zucht und Schule scheint hier die Bauhütten zu durchdringen, und selbst 
in den willkürlichen Bildungen dieser Zeit herrscht zumeist ein klarer Sinn, 
eine ruhigere Empfindung. Charakteristisch ist für die letzte Epoche, dass 
in demselben Maasse, wiedas Decorative in einseitigem Streben gepflegt 
wird, die Gesammtanlage, Vertheilung der Räume,- der Kern des Baues 
nüchterner wird. Der Eselsrücken und die Fischblase sind auch hier über- 
wiegend gebraucht; im Inneren herrschen reichere Gewölbanlagen, Stern- 
und Netzgewölbe aller Art, die sich manchmal unmittelbar aus den Pfeilern 
verzweigen. Die Profilirungen des Masswerks verlieren an elastischer Span- 
nung, die Stäbe durchschneiden sich oft, besonders an Portalen, in unruhi- 
ger Weise, das Laubwerk erhält eine theils schwülstige, theils knöcherne, 
bucklige Form, und zuletzt entartet die Steinbildung so weit, dass sie in 
Nachahmung verschlungenen Baumgeästes sich ergeht (vgl. Fig. 369). An 
den Stämmen der Tragsäulchen , an Sockeln und Basen, erscheinen man- 
cherlei bunte Muster, rautenförmige und rundliche Stabverschlingungen, 
besonders aber Stäbe, die in Spiralwindungen den Schaft bedecken, so dass 
überall die Decoration sich von der constructiven Grundlage emancipirt und  
auf eigene Hand ein phantastisch-Willkürliches Leben führt, das zuletzt 
mit völliger Erschöpfung endet, oft auchsich mit den Formen der neu 
auftauchenden Renaissance (wie bei Fig. 370) verbindet. 
Das Schiff der Hallenkirchen zeigt stets das hohe, auf den Umfas- Dachformen. 
sungsmauern ruhende Sattel (lach , während bei den Kirchen mit niedri- 
  gen Seitenschiffen letztere 
11g. 571.   
mit einem gesonderten 
Pultdache sich an die 
f ä Obermauer lehnen; die 
, Thürme erhalten, wo sie 
l i, nicht durchbroc-hene 
  l Steinpyramiden haben, in 
  i der Regel ein- schlank 
[A  km ansteigendes Z eltdach ; 
Oder ein irierseitiges 
Walmdach, dessen 
g  First, wie die Abbildung 
1 Ü n! il zeigt, gewöhnlich ein 
m  A (xx Dachreiter krönt. Diese 
satteldach. wahndacii, Zeltdach.  Dädher sind in Holz con- 
 struirt und mit Metall, 
Schiefer oder Ziegeln gedeckt.  
Bei der Aufzählung der einzelnen Denkmäler, wo wir ebenfalls nur Zwei 
das Wichtigste kurz hervorheben können, werden wir zwei HauptgrllpPßll Gmppem 
zu Sondern haben, die sich nach dem verschiedenen 'Material von selbst x 
ergeben. Im norddeutschen Tieflande , wo wir schon in romanischer Zeit 
den Ziegelbau antrafen, finden wir auch jetzt eine Fortbildung der Back- 
Stein-Architektur , die den gothischen Formen eine gewisse, dem Material
        

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