Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684572
Drittes Kapitel. 
Gothischer Styl. 
449 
Sodann wurde auch bei dem Bestreben nach freien, lichten Räumen der 
Abstand der Pfeiler sowie die Breite der Schiffe immer bedeutender, so dass 
eine quadratische Stellung der Stützen für das Mittelschiff, eine beinah 
eben so breite Anlage des Seitenschilfes zur Regel wurde. War hierdurch 
das Mittelschiff aus seiner überwiegenden Stellung verdrängt, so hatte auch 
die Anlage eines Querhauses, den gleich hohen und breiten Seitenschiffen 
gegenüber, nur noch untergeordnete Bedeutung. Man liess es daher in der 
Regel fort, was auch in ritualer Hinsicht kein Hemmniss fand, da diese 
Bauten meistens Pfarrkirchen sind und also einer ausgedehnten Choranlage 
nicht bedurften. Auch den Chor bildete man gewöhnlich in entsprechend 
einfacherer WVeise, und zwar vorwiegend aus dem Achteck, liess auch den 
Kapellenkranz und den Umgang fort. Nur bisweilen zog man die breiten 
SeitenschiHe als weiten Umgang um den Chor, wodurch denn bei aller Ein- 
fachheit eine überraschend kühne, lichtvolle und stattliche YVirkung erreicht 
wurde. Eine wichtige Veränderung ergab sich nothwendig für die Fenster. 
Diese konnten nur in den Umfassungsmauern angebracht werden, mussten 
also eine bedeutende Höhe erhalten , wollte man nicht zu mangelhafte Be- 
leuchtung und zu grosse Maueriiächen haben. Im Anfang wagte man noch 
nicht, konnte es vielleicht auch mit dem herrschenden System nicht in 
Uebereinstimmung bringen, die Fenster in ununterbrochenem Zuge auf- 
steigen zu lassen. Man brachte deshalb wie an der Elisabethkirche zu Mar- 
burg je zwei über einander an, was indess am Aeusseren die unbegründete 
Voraussetzung eines zweistöckigen Inneren hervorrufen musste. Bald kam 
man dazu, das Fenster in ganzer Länge bis auf die ziemlich tief angebrachte 
Fensterbank hinunterzuführen, gab aber dann in der Regel, zu grösserer 
Befestigung dar Stäbe und zur Vermeidung der monotonen Linien, durch 
eingespannte asswerkmuster in Form von Galerien eine Zwei- oder Drei- 
theilung auch der Höhe nach. Die Breite der Fenster entfernte sich dagegen 
nicht erheblich von den hergebrachten Maassen, wodurch freilich bei den 
grossen Abstandweiten jederseits noch beträchtliche WVandfiächen frei blie- 
ben, die einen etwas leeren Eindruck verursachten. Auch die Ornamentik 
fand in diesen Kirchen geringen Spielraum. Sie war fast ausschliesslich 
auf die dem Auge ziemlich entfernt liegenden Pfeilerkapitäle verwiesen, an 
denen sie denn auch bald erstarb, die nackte Kelchform zurücklassend, bis 
in der Spätzeit des Styles selbst das Kapital gewöhnlich fortfiel, so dass das 
Gezweige der Rippen unmittelbar aus dem Stamm des schlanken Pfeilers 
sich verästelte. So war ein Inneres von einfacher Grundanlage, klarer Ein- 
theilung, gleichmässiger Beleuchtung gleichartiger Räume gewonnen, wel- 
ches freilich einen von den'französisch-gothischen Kathedralen weit ab- 
weichenden Eindruck macht. Dort gipfelten sich Theile von verschiedener 
Höhe, Beleuchtung und Ausdehnung in pyramidalem Aufbau organisch 
auf, ein reiches Ganzes von mannichfachster Combination, von lebendig- 
malerischer Wirkung, ein Erzeugniss reger Phantasie. Hier dagegen trägt 
das Gleichartige der ganzen Anlage den Eindruck eines schlicht verstän- 
digen Sinnes. Sahen wir dort das Gepräge aristokratisch -bürgerlichen 
Wesens, so weht uns hier ein demokratisch-bürgerlicher Geist an, wie er 
im Laufe des. 14. Jahrh. wirklich im Schooss der deutschen Städte sich 
immer siegreicher Bahn brach. Damit hängt denn auch zusammen, dass die 
Form der Hallenkirche weit überwiegend an Pfarrkirchen und den Bauten 
L ü b k e , Geschichte d. Ärchitektur.
        

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