Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684503
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Fünftes Buch. 
englischen Architektur nur selten eine klare, organische Entwicklung, meist 
nur eine Mischung von nüchtern-verständigem und üppig-phantastischem 
YVesen , das sich freilich oft zu einer fast sinnbethörenden Pracht steigert 
und mit einer wunderbaren Virtuosität des Meissels vorgetragen wird. 
Kfwthcdr-vor- Aus der grossen Anzahl bedeutender Denkmäler 1) heben wir nur einige 
ßamcrbury" charakteristische Beispiele hervor. Als das früheste lernten wir bereits die 
östlichen Theile der Kathedrale von C anterbury kennen, von 1174 bis 
1185 erbaut 2). Hier tritt an dem kreisrunden Chorschluss und Umgange, 
so wie an den in kräftiger Plastik behandelten Details, noch der auslän- 
dische Einfluss, und zwar in romanisirender Färbung, hervor. Wilhelm 
von Sens begann den Bau, laut dem ausführlichen und höchst merkwürdigen 
gleichzeitigen Berichte des Mönchs Gervasius, beim westlichen Kreuzschiff 
(Fig. 363). In rascher Aufeinanderfolge wurden zuerst die beiden Seiten- 
schiffe mit je fünf Kreuzgewölben versehen, sodann die" fast quadratischen 
sechstheiligen Gewölbe des Mittelraumes ausgeführt. Sodann wurde das 
zweite (östliche) Kreuzschiif mit seinen Apsiden errichtet und daran schloss 
sich ebenfalls mit zwei sechstheiligen Gewölben der östliche Theil des 
Chores, der sich indess verengern musste, weil man die beiden neben dem- 
selben liegenden Thürme beibehalten wollte. Von hier aus gab man dem 
Chor wegen der darunter befindlichen Krypta eine beträchtliche Erhöhung 
und schloss ihn im Halbkreis ab, Während die Nebenschiffe , wie zu Sens 
durch Doppelsäulcn vom Hauptraum getrennt, sichals Umgang fortsetzten. 
Endlich fügt sich eine Rundkapelle zu Ehren des heilig gesprochenen Erz- 
bischofs Thomas Becket, die sogenannte nBeckets-Kronea, der östlichen 
Rundung an. So übertrifft dieser höchst bedeutende Chorbau mit seiner 
Länge von 290 Fuss bei 40 Fuss breitem Mittelschiff die Ausdehnung 
mancher tüchtigen Kathedrale. -Die spätere Zeit fügte seit 1376 noch ein 
dreischifiiges Langhaus hinzu, dessen Gestalt in Fig. 360 sich darbietet, 
lhemplerlsirclw und das die ganze Länge der Kirche auf 510 Fuss steigert.  Bemerkens- 
w London" werth durch ähnliche Verschmelzung mit romanischen Elementen und durch 
eine besondere Grundform ausgezeichnet ist die Tem plerkirche zu 
Londona), in ihrem Rundbau 1185 gegründet, in den gleich hohen Lang- 
Katlivdr-wn schiffen 1240 vollendet.  In grösster Consequenz ierscheint der früh- 
s"hsb""l' gothische Styl an der mächtigen Kathedrale von S alis b u r y, deren östliche 
Theile von 1'220 bis 1258 Iin ununterbrochener Bauführung errichtet wur- 
deli, woran sich sodann in kurzer Zeit auch der Westbau sammt der Facade 
schloss. An ihr entfalten sich, mit Beseitigung aller fremdländischen Ein- 
 ÜüSSe, die Eigenthümlichkeiten der englischen Frühgothik zu einem eben 
so bedeutenden als reich entwickelten Ganzen. Schon der Grundriss (vgl. 
Fig. 353) mit seiner langen dreischiffigen Anlage, den beiden QuerschiHen 
mit ihren östlichen Abseiten, dem geraden Ohorschluss und seiner eben so 
geschlossenen Lady-Chapel , endlich der Facade mit ihren neben den Sei- 
tenschiden liegenden Thürmen ist der Normaltypus einer englischen Kathe- 
drale. Die ganze innere Länge beträgt 430 engl. Fuss, wovon die Mitte S0 
ziemlich untenden Scheitelpunkt der grossen Vierung fällt; dabei hat das 
1) Vgl. die auf S. 2571 citirte Literatur- Ausserdem .E. Sharpa: Architectural paralleles 
the principal Abbey churches. F01: London._ 
2) TVillis: The architvctßmxral hxstgry of Canterbury Cathcdral. London 1845. 
3) R. IT. Billirzg: Archxtectural lllustrations and account o! the Temple church. 
n- views 
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