Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684417
Drittes Kapitel. 
Gothiscber Styl. 
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gemeinsame Dach zu vermeiden, jedem Schiffe sein besonderes Satteldach 
gegeben hat.  
Weit bedeutender als die kirchlichen sind besonders in Belgien die PI 
bürgerlich-profanen Bauten. In ihnen hat der staunenswerthe Reichthum, 
die Macht und das Ansehen jener gewaltigen Städte Flanderns einen eben 
so staunenswerthen Ausdruck gefunden. Jede dieser einst so volkreichen, 
so handelblühenden Metropolen des Weltverkehrs hatte ihr Rathhaus, ihre 
Kaufhallen, ihre Gildenhäuser und was sonst der Gemeingeist jener Zeit an 
baulichen Anlagen hervorbrachte, in umfassendster, grossartigster Weise 
ausgeführt. An ihnen entfaltete sich ein üppig reicher Decorationsstyl, der 
jedoch hier durchaus berechtigt ist und in seinen glanzvollsten Lebens- 
äusserungen sich doch harmonisch dem Organismus des Ganzen anschmiegt. 
Die Perle unter diesen Gebäuden ist das Rathhans zu Löwen, von 1448 
bis 1469 erbaut, ein Muster des verschwenderisch brillantesten spätgothi- 
schen Styles.  Andere Rathhäuser findet man zu Gent, Brügge (mit 
einem gewaltigen Thurm, dem Beffroi, "in welchem die Sturmglocke hing), 
Brüssel, Ypern, Qudenarde u. s. w. 
xfanbauten. 
England 
In 
und 
Skandinavien. 
Es war im  1 174- , als nach dem Brande der Kathedrale zu Canter- 
bury ein französischer Baumeister, TWlleelm von See-w, herbeigerufen wurde, 
die Wiederherstellung des Chores zu übernehmen. Er begann einen Neu- 
bau, den er, abweichend von der bisher in England gültigen normannischen 
Bauweise, in dem kürzlich in seiner Heimath entstandenen gothischen Style 
ausführte. Frankreich gab daher zum zweiten Mal dem benachbarten 
Insellande einen neuen Baustyl. Aber auch diesmal bewährte sich die eigen- 
artige, zähe Kraft des englischen Nationalcharakters an den fremdher über- 
lieferten Formen: der frühgothische Styl der Engländer, oder, wie sie ihn 
nennen, der frühenglische (early Enylisk) , mahm alsbald eine entschieden 
abweichende Gestalt an._  
Die wichtigste Umänderung erfuhr zunächst der Grundriss. Man ver- 
liess die reiche, malerisch wirksame Choranlage französischer Kathedralen, 
Umgang und Kapellenkranz, und schnitt dagegen in nüchterner Weise den 
Chor und seine Abseiten durch eine gerade Mauer ab (vgl: Fig. 353) , an 
die man indess eine ebenfalls rechtwinklig schliessende Muttergotteskapelle 
(Lady-Chapel) als Anbau legte. Was man dadurch an reicherer Entfaltung 
des Raumes einbüsste, suchte man durch ein besonders in der späteren 
Zeit ungemein brillant durchgeführtes breites Fenster in der östlichen XVand 
zu ersetzen. Dem Schiff gab man eine grössere Längenausdehnung bei ge- 
ringerer Breite, denn man schloss das Mittelschiff ederseits nur mit einem 
Seitenschiffe ein, während das Kreuzschiff meistens nur an der östlichen 
Seite ein Nebenschii-l" erhielt. Häufig wurde jedoch, um dem Chor eine für 
die liturgischen Zwecke angemessene Geräumigkeit zu geben, noch ein 
zweites, kleineres östliches Querschiff hinzugefügt, das dann aber ebenfalls 
oft mit östlichen Abseiten ausgestattet wurde, wie es Fig. 353 zeigt.  Die 
Pfeiler wurden theils in einfacher Rundform , theils auch in Bündelgestalt. 
gebildet; allein die einzelnen, gewöhnlich aus glänzendem Marmor gearbei- 
teten Halbsäulen Wurden Ziemlich frei, lose, in weiten Abständen von ein- 
ander um den Kern gruppirt, oder reihten sich als völlig isolirte Säulen 
Lübke, Geschichte d. Architektur.  28 
nführung 
les 90th. 
Styles. 
Ch arakter.
        

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