Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684394
Drittes Kppiiel. 
Gothischer Styl. 
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pellen, wenngleich in geringer Tiefe, selbständig dem Umgange sich an- 
schliessen. Ein grossartiger Thurm wurde erst seit 1461 der westlichen 
Facade vorgebaut. Die vollständig entwickelte Choranlage findet sich da- 
gegen am Dom zu Brügge, so wie an der späten, nüchtern ausgeführten, Dom zu 
aber kühn und weit angelegten Kirche S. Michael zu Gent, während  
S. Jacques zu Brügge nur drei Polygonchöre neben einander hat. End- 
lich lässt sich auch an S. Jacques zu Antwerp en eine gewisse Verein- 
fachung des Systems erkennen, sofern die an den Umgang sich schliessenden 
Kapellen vereinzelt angeordnet sind und nicht einen vollständigen Kranz 
bilden. Eine der bedeutendsten und originellsten Anlagen hat aber der 
Dom zu Antwerpen , ein mächtiger fünfschiffiger, mit seinen Kapellen- vom zu 
reihen sogar siebenschiffiger Bau von ungemein belebter, malerisch wir-  
kungsvoller Innenperspective, die indess das gothische Princip in einer 
schon zu weit getriebenen Consequenz zeigt. Die Gewölbe ruhen auf ge- 
gliederten Pfeilern statt der Rundsäulen , und die Rippen gehen ohne Ka- 
pitälvermittlung aus den Pfeilern hervor. Das Aeussere ist nüchtern, von 
ungünstiger Wirkung bei vorwaltender Horizontallinie; die Thurmfacade, 
1422 durch Jean Amel, einen französischen Baumeister aus Boulogne, be- 
gonnen, folgt in ihrem 444 Fuss hohen Thurme allerdings der in Deutsch- 
land ausgebildeten Richtung auf luftige Durchbrechung, aber in unorgani- 
scher, keineswegs harmonischer Weise. Namentlich erscheint der Uebergang 
aus dem viereckigen Unterbau in den achteckigen Helm unschön, mangel- 
haft vermittelt, durch die schwere Horizontalgalerie gestört. Auch am Portal 
und dem Hauptfenster des Mittelbaues machen sich entartete Formen be- 
merklich. 
In Holland ist eine Anzahl von'meist grossartig angelegten Kirchen "üllälldische 
erhalten, die grösstentheils aus Backsteinen erbaut, die gothischen Formen Kirchen" 
nicht eigentlich selbständig für dieses Material verarbeiten, sondern in der 
Regel alle charakteristischen Details, das Masswerk der Fenster und Wand- 
gliederung, die Gesimse, Galerien u. s. w. aus Hausteinen bilden. Der  
Charakter der ganzen Conception erhält dabei etwas Massenhaftes, was 
besonders an dem mächtigen Thurm der Westfacade zur Geltung gelangt. 
Dieser öffnet sich mit weitem Bogen als Vorhalle gegen das Mittelschiff; 
wo dagegen zwei Thürme angeordnet sind, lässt sich darin gewöhnlich ein 
Rest romanischer Anlage erkennen. Im Ucbrigen folgt der Grundriss we- 
sentlich dem reichen französischen Schema, nur dass das Kreuzschiff stets 
ohne Abseiten bleibt und dass manchmal der Kapellenkranz fortgelassen 
wird oder ein dreifacher polygoner Chorschluss für die complicirtere Form 
eintritt. Wie in allen diesen Umgestaltungen eine bisweilen in's Nüchterne 
gehende Vereinfachung des Systems sich zu erkennen gibt , so ist auch die 
Fortlassung der Triforien für diese SlIlIleSriChtung bezeichnend. An ihrer 
Statt sind die Nischen der Oberfenster tief bis auf ein Arkadengesims her- 
abgeführt und erhalten in der unteren Abtheilung ein scheinbares Triforium 
durch decoratives Masswerk. Die Wölbungen der hohen Mittelschiffe wer- 
den in der Regel durch interessante Holzconstructionen gebildet. Bedeu- 
tend und grossartig tritt dieses System hervor am Dom zu Utrecht, dessen 190m zu 
Chor mit Umgang und fünf Pßlygonell Kapellen schliesst, und sammt dem Lmmhh 
Kreuzschiff von 1'251 bis 1267 errichtet wurde. Auch der grosse West- 
thurm mit zweitem verjüngten quadratischen Stockwerk auf dem breiten 
        

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