Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1680319
Erstes Kapitel. 
Indische Baukunst. 
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Verbindung von Nebenbauten mit dem Haupttempel, die als Kapellen, V01; 
hallen, Wasserbassins auf mancherlei besondere Eigenthümlichkeiten des 
Oultus hinweisen. Diese Grunderfordernisse werden von den brahmanischen 
Denkmälern in bunt wechselnder Art erfüllt, und nur der buddhistische 
Tempel gab ihnen eine consequentere, angemessenere Lösung. Bemerkens- 
werth erscheint dabei die Aehnlichkeit, welche die meisten dieser Bauten 
mit der Anlage christlicher Kirchen bieten, ja die Uebereinstimmung der 
buddhistischen Tempel mit der altchristlichen Basilika. Da, wie kaum be- 
merkt Zu werden braucht, an ein Hinüber- oder Herübertragen nicht zu 
denken ist, so zeigt sich hier recht augenfällig, wie in beiden Religionen 
ähnliche Bedürfnisse des Cultus ähnliche Anlage und Raumeintheilung mit 
sich brachten. Beide forderten einen WVallfahrtstempel; in ihm ein Aller- 
heiligstes , welches das Bild der Gottheit umschloss; ferner geräumige 
Hallen , Welche das zur Verehrung herbeieilende Volk fasste; endlich eine 
Anordnung derselben, die den Eintretenden nach dem Zielpunkte des Cultus 
hinleitete. 
 So verständig diese Gesammtanlage war, so phantastisch ist die Art, Phantastik. 
wie sie von den Indern ausgeführt wurde. Schon der seltsame Gedanke, 
mit dem Tempel sich in den Granitkern der Erde hineinzuwühlen , spricht 
dafür. Wenn der Mensch mit dem Bauwerke, durch das er sich als frei 
Organisirendes Wesen den Naturgebilden gegenüber stellt, sich in den Bann 
der Naturzufälligkeit hineinbegibt, so erkennt man daraus deutlich, wie 
unauflöslieh die Fesseln derselben seinen Geist umstricken. Hier musste 
die Launenhaftigkeit der Bergformation, die unsymmetrische Gestaltung mit 
all ihren Seltsamkeiten sO bedingend eingreifen, dass an eine organische 
Consequenz der ganzen Anlage nicht zu denken war. Unter diesem Banne 
nahmen selbst die Glieder, an denen am ersten das statische Gesetz eine 
organische Bildung hatte hervorrufen müssen, wie wir gesehen haben, eine 
phantastische Form an. Endlich musste in der Behandlung des Einzelnen 
jener wilde Taumel durch alle erdenklichen Linien, jenes unzählige Wieder- 
holen gewisser Thiergestalten sich kund geben , welches überall den Blick 
verwirrt. Der Geist, der den übergewaltigen Naturbedingungen zu entfliehen 
suchte, fiel immer wieder in ihre Gewalt zurück; der Mensch kam eben, 
wie Kapp bezeichnend sagt, nicht über die Natur hinaus, die, immer nur 
sich selbst wiederholend, dem Geiste ein Gleiches anthut und ihn nicht 
aus seiner Unfreiheit und seinem statarisehen Dasein zur Freiheit der die 
N aturfesseln abschüttelnden Entwicklung losgibt. 
EYYVägt man: dass Zwischen den jüngsten indischen Bauwerken lllldCharakteristik 
den ältesten bekannten Denkmälern ein Zeitraum von beinahe zwei Jahr-  
tausenden liegt, so wird dadurch die Zähigkeit, der Mangel an Entwicklung  
in. der indischen Architektur in's hellste Licht gesetzt. In der That ist 
Maasslosigkeit der Phantasie, grenzenlose YVillkür der Formbildung, gänz- 
licher Mangel an organischer Durchführung der fast immer sich gleich blei-  
bende Charakter jener Kunst. Auf einem solchen Gebiete kann von Ent- 
wicklung in höherem Sinne des Wortes nicht die Rede sein. Eben so wenig 
wie Indien eine Geschichte hat, besitzt es eine historische Entfaltung der 
Architektur. Es ist bei jenem Volke sowohl in Leben, Sitte und Religion, 
als auch in der Kunst nur von Zuständen die Rede, die mit geringen 
Modiiieationen durch die Jahrtausende sich gleich geblieben sind.
        

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