Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1680309
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Erstes Buch. 
Kritik der 
Formen. 
Grundplan. 
hoch als breit ist, folgt ein zweites Hauptglied, das als runder Schaft mit 
bedeutender Verjüngung, nach unten meistens ausgcbaueht, aufsteigt. Auch 
dieses wird durch einige bisweilen sehr phantastische Gliederungen mit dem 
Untersatze verbunden. Oben dagegen wird der runde Schaft durch meh- 
rere schmale Bänder, die man den Hals der Säule nennen könnte, zusam- 
mengefasst. Sodann kommt das Kapital, welches als kräftiger Pfühl weit 
über den Hals hinausquillt, als habe hier ein Weicher, kugelförmiger Körper 
durch den gewaltigen Druck von oben diese Gestalt angenommen. Gleich- 
sam um das völlige Auseinanderquellen des Pfühls zu verhindern, legt sich 
um ihn in der Mitte reifenartig ein horizontales Band. Charakteristisch 
erscheint, dass Schaft und Kapital mit (Jannelirungen oder vcrtical auf- 
steigenden Streifen bedeckt sind. Endlich legt sich auf das Kapital ein breit 
ausladendes Glied von verschiedenartiger Bildung, das als Console dem 
aufrnhenden Gebälk zur Stütze dient und manchmal einen deutlichen An- 
klang an Holzconstruction enthält. 
Betrachtet man dieses seltsame architektonische Gebilde, so ergibt 
sich auch hier das Walten einer Phantastik , die es zu keiner organischen 
Schöpfung bringen kann. Was die statische Nothwendigkeit forderte , war 
eine kräftige Stütze für die wuchtende Felsdeeke. Die einfachste Form für 
diese wäre die eines viereckigen Pfeilers gewesen. Allein der Drang nach 
reicherer Gestaltung begnügte sich damit nicht. Er versuchte eine künst- 
lerische Belebung des Baugliedes, welche bei aller technischen Feinheit der 
Bearbeitung, die zum Theil bewundernswerth sein soll, doch im ganzen 
Aufbaue beweist, wie verworren und naturbeherrscht der Schönheitssinn 
hier ist. Kein Glied gibt sich durch sein Vorwiegen als Hauptglied zu 
erkennen. Der untere viereckige Theil ist als blosseiuSockel zu gross, der 
runde Schaft als Säulenstamm zu klein, das übermächtige Kapital steht zu 
beiden in üblem Verhältniss. So scheint die lastende Decke und der Fels- 
boden, jene durch das obere, dieser durch das untere Glied derart über- 
zugreifen, dass das Mittelglied, welches beim Freibau in allen Baustylen als 
das hauptsächlichste sich kundgibt, durch sie zu unbedeutender Kürze 
zusammensehrumpft, gleichsam als nothwendige Folge dieser Troglodyten- 
bauart. Keine einzige Form spricht angestralft ein entsehiedenes Tragen 
aus; vielmehr herrscht zwischen der ungemilderten Starrheit des unteren 
viereckigen Theiles und der schwammigen Weichheit und Unbestimmtheit 
der oberen Glieder ein unvermittelter Gegensatz. Minder phantastisch frei- 
lich sind die Pfeiler der buddhistischen Tempel. Allein wo sie wie an 
manchen Orten als schlichte achteckige Pfeiler ohne Sockel und Kapital 
aufsteigen, zeigen sie sich jeder künstlerischen Gliederung baar; wo sie 
dagegen ausgebildetere "Form haben , tragen sie denselben Mangel an orga- 
nischem Aufbau zur Schau, wie ihre brahmanischen Vorbilder, denen 
gegenüber sie nur etwas einfacher erscheinen. 
Um nunmehr auf die Gesammtanlage der Grottentempel einzugehen, 
so erkennt man bald bei aller Verschiedenheit im Einzelnen gewisse Grund- 
bedingungen, die sich überall wiederholen. Wir haben es zunächst mit 
einem Innenbau Zu thlm, der eine Menge von Menschen zu gemeinsamer 
Gottesverehrung aufzunehmen geeignet ist; sodann tritt die Richtung der 
ganzen Räumlichkeit nach einem bedeutsamen Centrum hervor, das als 
Sanctuarium das Bild des Gottes umsehliessti; endlich gehört dazu die
        

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