Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684160
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Fünftes Buch? 
 ist besonders die Dachbildung. Weniger durch die Bedürfnisse, als viel- 
 mehr durch ein bestimmtes Stylgefühl, ist die" ungemein steile Ansteigung 
des Daches bedingt. Meistens bietet es nach der Strasse seinen Giebel zur 
Schau, der dann oft in lebendiger, organischerWeise ausgebildet wird. 
Man lässt vom Hauptgesims lisenenartige Wandstreifen emporsteigem. 
Durch diese wird der Giebel in einzelne verticale Felder getheilt. Jedes 
Feld wird für sich mit einem verzierten Giebelchen oder auch mit einem 
  horizontalen Gesims geschlossen. Die Lisenen erhalten dagegen eine 
 F ialenbekrönung. Sodann werden die hohen, schmalen Wandfelder durch 
mehrere Reihen von fensterartigen Oeffnungen belebt. Diese reiche Durch- 
brechung, dies lebendige Aufstreben liegt durchaus im Charakter des gothi- 
sehen Styles. Wir fügen ein Beispiel solcher reichen Giebelbildung an einem 
YVohnhause zu Greifswald unter Fig. 331 bei, wvelches zugleich als 
 Prachtwerk polychromer Backstein-Architektur gelten kann. Dieser statt- 
liche Giebelbau ist indess sehr häufig nur ein decoratives Architekturstück, 
dessen Höhe die wirkliche Dachhöhe weit überragt. Die Langseiten der 
 grösseren Gebäude, wenn sie nach der Strasse hin ebenfalls sichtbar wur- 
den, bekrönte man in-A der Regel mit einem oder mehreren' giebelartigen- 
 Aufsätzen, hinter welchen man die Seitenflächen des hohen Daches verbarg. 
 Ein Beispiel zierlichster Ausbildung solcher Decoration gibt die Abbildung 
der Dachbekrönung. des ehemaligen Schauhauses zu Nürnb erg (Fig. 332). 
Im Uebrigen verfuhr man ziemlich frei in der Gestaltung des Aufbaues je 
 nach den Erfordernissen und örtlichen Bedingungen, ohne eine strenge 
Symmetrie als unerlässlich. anzuerkennen. Vielmehr liegt gerade in einer 
gewissen Regellosigkeit ein hoher malerischer Reiz dieser Gebäude. Die 
Rathhäuser schmückte man gern mit einem Thurme, der entweder in 
schlanker Spitze aufsteigend, oder mit einem Zinnenkranze schliessend, 
 die Bedeutung des Gebäudes kräftig aussprach. 
Wohngebäude. Manches Gemeinsame in Anordnung und Ausführung erhielten die 
 bürgerlichen Wohngebäude. In der Regel legte man sie auf schmalem aber 
 tiefem Grundplane in dichtgedrängten Reihen an. Häufig haben sie in der 
 Front eine Breite von nur drei Fenstern. Diese rückte man dicht zusam- 
men, bildete sie hoch und breit, schied sie durch schmale Mauerpfeiler und 
theilte die einzelnen durch Steinpfosten, so dass nur auf den beiden Ecken 
eine grössere Mauerfläche sich" bot. Erker, die oft als Eckthürme vorsprin- 
gen, dientenals besonderer Schmuck der Facade. Auch liebte man Figuren 
  auf Consolen und unter zierlichen Baldachinen anzubringen. Den Giebel 
ordnete man in der bereits beschriebenen Weise an. Manchmal aber gab 
 man dem Gebäude ein hohes Walmdach, wie am steinernen Hause zu Frank- 
 furt a. MÄ, Fig. 408 , Idessen pyramidalisch zurückweichende Spitze man 
durch einen kräftigem Fries und Zinnenkranz zum Theil verdeckte, so dass 
der Bau dadurch den Schein eines horizontalen Abschlusses und zugleich 
einen burgähnlichen Charakter erhieltr So bildeten die meist schmalen, 
hohen Häuser, dicht an einander gedrängt, eine Reihe selbständig aufstei- 
 gender Architekturen, welche in ihrer Geschlossenheit und der durch den 
Giebel Scharf hervorgehobenen Besonderheit ein sprechendes Bild der aus 
freien, mannhaften Bürgern bestehenden städtischen Gemeinden des Mittel- 
alters gewähren. Oft ruht der vordere Theil des Hauses auf kräftigen 
Pfeilern und Bögen, S0 dass eine Art von überwölbter oder iiachgedeckter
        

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