Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684151
Drittes Kapitel. 
Gothischer Styl. 
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des Materials beruhende, in hohem Grade beschränkte Construction, die aber 
ihr ruhiges Genügen eben so lebendig als klar in der Formensprache ihrer 
Glieder kund gibt. Der gothische Dom ist ein complicirtes, aus scharf- 
sinnigster Berechnung aufgebautes, die natürlichen Gesetze der Schwere in 
ein künstliches System auflösendes Ganzes, dessenWesen sich in einer Fülle 
weicher, feiner, mit leisesten Uebergängen aus einander hervorwachsender 
Glieder ausdrückt. Dort ist der scharfe Gegensatz aufsteigender, stützender 
und horizontaler, gestützter Glieder: hier ein ununterbrochenes Aufschiessen 
verticaler Einzelheiten. Während daher die antike Architektur in ihrer 
Strenge sich den vegetabilischen Formen fern hält, scheinen am gothischen 
Bau die Glieder nach Art einer Pfianze aufzuschiessen und sich zu ver- 
ästeln. Fassen wir dies Alles in ein Wort zusammen, so ist dem antiken 
Tempel der Charakter strenger Objectivität und Männlichkeit eigen, wäh- 
rend der gothische Dom als Ausdruck subjectiver Empfindung, zarter 
Weiblichkeit sich darstellt. 
Unsere Schilderung des gothischen Styls hatte vorzüglich die grosseii, Andere An- 
reich entwickelten Kathedralen im Auge , an welchen sich die Architektur lagm 
zumeist ausbildete. Dass die Gothik aber auch für kleinere Werke aller 
Art gerecht war, braucht kaum bemerkt zu werden; nur freilich lässt sich 
nicht leugnen, dass gerade dieser Styl durch einfachere Behandlung, durch 
Beschränkung des Grundplanes und der Ausstattung viel von seinem Zauber 
einbüsst. Die schlichteste romanische Kirche kann noch grossen Reiz ge- 
währen, weil das Wesen jener Architektur auf Einfachheit beruht: eine 
schlicht behandelte gothische Kirche verfällt dagegen fast immer der Nüch- 
ternheit. Sodann ist festzuhalten, dass eine so grosse Mannichfaltigkeit der 
Plananlagen, wie sie der romanische Styl darbot, in der Gothik nicht mehr 
stattfindet. Es handelt sich hier vielmehr um ein Weniger oder Mehr, und 
selbst die ungewöhnlicheren Grundrissformen der früheren Zeit werden jetzt 
immer Seltener.  
Dagegen brachte es die mit dem Wohlstande gesteigerte Baulust zllProfanbauten. 
einer ungemein reichen, ja prachtvollen Ausbildung aller jener für profane 
Zwecke, sei es der Allgemeinheit, sei es der Einzelnen dienenden Werke. 
Kaufhäuser, Gildenhallen, Rathhäuser, Brunnen, ja selbst die Befestigungs- 
maucrn mit ihren Thoren und Thürmen, zeugten von dem Selbstgefühl und 
der Kunstliebe der Bürger. Es Wal" Vfieder emmal eine jener GIßIIZEPOChSII 
der Architektur angebrochen, wo eine höhere künstlerische Ausbildung 
selbst bei den Werken alltäglichen Nutzens und gemeiner Zweckmässigkeit 
Bedürfniss war. Obwohl bei diesen Bauten durch Material, Landessitte, 
örtliche Verhältnisse grosse Verschiedenheiten herbeigeführt wurden, so 
treten die Grundzüge des gothischen Styls auch an ihnen deutlich hervor. 
Die Portale zeigen sich meistens spitzbogig gewölbt, die Fenster zum Theil  
eben so nach Analogie der Kirchenfenster, oft aber auch mit geradem Stein- 
balken. Dagegen pflegt an ihnen eine Theilung durch aufsteigende Stein- 
Pfosten , die dann wieder durch einen horizontalen Stab gekreuzt werden, 
durchgeführt zu sein. Immer ist aber die Protilirung der Portale- und Fen- 
sterwände mit den tief eingezogenen Kehlen und scharf vorspringenden 
Gliedern bezeichnend. Auch die Gesimse, welche die Stockwerke abtheilen, 
folgen der an den kirchlichen Gebäuden bereits erwähnten Form. Wichtig
        

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