Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684123
404 
Fünftes Buch. 
Decoration  
Kritik des 
gothischen 
Styles. 
maligen Beweis von der eigensinnigen Consequenz, mit welcher der gothi- 
sehe Styl dem Steine seinen spitzfindigen mathemathischen Calcül aufzwang. 
Eins der edelsten Beispiele solcher Thurmanlage bietet das Münster zu 
Freiburg im Breisgau dar, dessen Abbildung wir unter Fig. 330 beifügen. 
Freilich sind hier die unteren Theile in ihrer zu kahlen Erscheinung nicht 
auf einen so reichen Oberbau berechnet, auch ist der achteckige Aufsatz 
nicht in organischer Weise aus dem viereckigen Unterbau entwickelt, indess 
zeigt die durchbrochene Spitze das gothische System in schöner Entfaltung 
und glücklicher Vollendung.  
Wir haben in unserer bisherigen Darstellung stets die glänzendsten 
Denkmäler des gothischen Styles im Auge gehabt, weil sich an ihnen allein 
der Geist jener Architektur voll und erschöpfend ausspricht. Es bleibt noch 
übrig, die Ornamentation des Aeusseren mit einigen Worten zu bezeichnen. 
Wie dieser Styl die Masse des Bauwerks in ein System von Einzelgliedern 
auflöst, die nach oben in feine durchbrochene Spitzen sich verjüngen, so 
ist nun auch der ganze bauliche Körper mit einem Netze zierlichen Mass- 
werks bedeckt. Doch wird auch dabei in guter Zeit das Gesetz beobachtet, 
dass die unteren Theile einfach , massenhaft behandelt, die oberen immer 
reicher und leichter sich entwickeln müssen. S0 bewundernswürdig nun 
auch die Consequenz ist, mit welcher dieselbe mathematische Form an 
allen Baugliedern sich gleichsam auf's Neue hervorbringt, so lässt sich doch 
auch nicht verkennen, dass dieser Reichthum auf einer gewissen Beschränkt- 
heit, auf einer Armuth an Motiven beruht, die wiederum durch die eiserne 
logische Folgerichtigkeit des Systems bedingt wird. Vegetabilischer Schmuck 
wird nur in untergeordneter Weise an den Kapitälen der Portale und Fenster- 
pfosten und in den Hohlkehlen der Fensterumrahmung und der Gesimse 
angewendet. Auch hier besteht das Laubwerk nicht aus einer innerlich 
verschlungenen Arabeske, sondern erscheint nur lose in Reihen aufgeheftet, 
als wollten sich die der Natur frei entlehnten Formen unter all den abstract 
mathematischen Gestaltungen deutlich als fremdartiger Schmuck ankündi- 
gen. Thierfiguren kommen nur in den barock-phantastischenWasserspeiern 
vor. Die menschliche Gestalt endlich findet ebenfalls nurieine örtlich be- 
schränkte Anwendung an den Portalen; wo sie wie an gewissen französi- 
schen Bauten in offenen Säulengalerien an den Faeaden reich vertheilt ist, 
da bilden diese durch die zu stark betonte Horizontale einen Widerspruch 
gegen das Gesetz diesesStyles. 
Vergleichen wir schliessllich die gothische Architektur mit der roma- 
niSChen, so ist der grossartige Fortschritt in constructiver Beziehung, 
der den gothischen Styl zum Ausdruck der höchsten bis jetzt erreichten 
Befreiung von den Fesseln des Materials madht, nicht zu verkennen.  Aber 
in seiner kühnsten Oonsequenz verfällt er sofort einer Einseitigkeit, die wir 
als nothivendiges Ergebniss einer Zeitrichtung wohl bewundern, nicht aber 
als nachahmcnsiverth anpreisen dürfen. Wir können nicht vergessen, dass 
der gothische Dom mit einem unermesslichen Aufwand von Mitteln ein 
Ganzes darätßllt, das beinah der Natur und der Zweckmassigkeit zum 
Trotz errichtet zu sein scheint. Dass zur Herstellung eines Innenraumes 
hier ein Aufwand gemacht ist, der zu dem praktisch Erreichten in keinem 
Verhältniss mehr steht, wollen wir weniger hervorheben: denn auch der 
antike Marmortempel überschritt weit das Maass strenger Zweckmässigkeit.
        

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