Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684101
402 
Fünftes Buch. 
zunächst ein den oberen Theilen der Schiffe entsprechendes Geschoss, wel- 
ches durch drei breite Fenster geschmückt ist. Das in der mittleren Ab- 
theilung liegende erhält grössere Breite oder auch  namentlich in franzö- 
sischen Kathedralen, wie Fig. 328 auf vorstehender Seite zeigt  die Form 
einer mächtigen Rose, die nun in reichster Weise durch ein strahlenförmiges 
Masswerk verziert wird. Doch bildet ein solches Rundfenster, so brillant 
auch immer seine Wirkung ist, einen Gegensatz gegemdie verticale Ten- 
denz des Styles. Häufig ragt der Spitzgiebel des Hauptportals so weit em- 
por, dass ein Theil des mittleren Fensters (wie in Fig. 326) davon verdeckt 
wird; auch ist wohl eine Galerie von frei gearbeitetem Masswerk vor dem 
Fenster aufgeführt, die wie ein durchbrochenes Gitter sich vor demselben 
erhebt. Der mittlere Verbindungsbau schliesst endlich mit dem hohen Gie- 
bel des Hauptschiffes ab, während auf beiden Seiten die Thürme nun ge- 
sondert aufstreben. Mehr äusserlich decorativ muss es" genannt werden, 
wenn eine horizontale Galerie, den Körper des Langhauses maskirend, den 
Mittelbau bekrönt. S0 zeigt es die Facade der Kathedrale zu Chartres 
(Fig. 329), welche ausserdem durch die Strenge ihrer il-ühgothischen Bil- 
dungsweise sich auszeichnet. 
YVar an den unteren Theilen schon durch die mächtigen Strebepfeiler 
eine Sonderung der Thürme von dem Verbindungsbau gegeben, so steigen 
dieselben in kräftig viereckiger Masse weiter oberhalb jeder für sich auf. 
Ein galeriegekröntes Gesims schliesst sodann den Unterbau ab, und in ver- 
jüngter Gestalt steigt achteckig ein oberes 'l'hurmgeschoss auf, ebenfalls 
durch schlanke Fensterötfnungen lebendig gegliedert. Aus den vier Ecken 
des Unterbaues treibt aber die architektonische Kraft besondere schlanke 
Fialen als Seitenthürmchen auf, die den mittleren Kern begleiten. Dieser 
schliesst in luftiger Höhe mit "Wimpergen ab, aus deren unteren Ecken 
dann der steile achteckige Helm emporsteigt. Wie aber das Stylgesetz dieser 
Architektur die Massen nach oben abnehmen und immer leichter und lufti- 
ger werden lässt, so war es die höchste Consequenz des Princips, wenn 
man den Thurmhelm als ganz durchbrochenes Gehäuse aufführte. Man liess 
daher acht mächtige Rippen auf den Ecken aufsteigen, die man mit Krabben 
reich besetzte. Zwischen sie spannte man ein Netz von horizontalen Stäben, 
dessen Oeffnungen mit freiem, filigranartig durchbrochenem Masswerk, mit 
Rosetten und Passen verschiedener Art ausgefüllt wurden. Auf der Spitze 
erhob sich eine mächtige Kreuzblume. Dieser Wunderbau durchbrochener 
Thurmhelme ist freilich nur in Deutschland zur höchsten Blüthe gekommen, 
in den anderen Ländern findet er sich sehr selten. 'Er ist ein staunenswer- 
{her Beweis von der grossartigen Kraft und Consequenz des gothischen 
Systems , welche selbst auf dem höchsten Punkte mit genialer Rücksichts- 
losigkeit gegen Alles, was praktisch und zweckmässig zu nennen ist, nur 
der Verwirklichung seines Ideals nachstrebt. Denn abgesehen von der Un- 
zweckmässigkeit solcher durchbrochenen Steindächer, unter welchen das 
wirkliche Holzdach sich verbirgt, abgesehen von der dadurch in's Ünaus- 
führbare angewachsenen Riesenhaftigkeit des Bauplanes, der denn auch 
niemals zur vollen Ausführung gekommen ist, lässt sich auch kein einziger 
Standpunkt gewinnen, von welchem aus die Durchbrechungen .dem Be- 
schauer sich in klarer, harmonischer Weise darböten, Ihre Verschiebungen 
setzen das Auge stets auf's Neue in Verwirrung, und liefern einen aber-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.