Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684045
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Fünftes Buch. 
Wechsel die Horizontale scharf markiren, bestehen alle Gesimse des gothi- 
sehen Styls nur aus einer Abschrägung, welche vorn rechtwinklig abge- 
schnitten, unterhalb mit einer tiefen Kehle ausgehöhlt wird, und dann mit 
einem feinen Rundstabe sich der Mauer anschliesst (Fig. 322). Diese Form 
ist nicht blos zweckrnässig für die Abwässerung, son- 
Fiä" 3'32-  dern prägt auch in ihrem schrägen Anstelnmen die ver- 
   ticale Tendenz des Styles aus. In ihrer plastischen 
 Wirkung unbedeutend, und selbst durch den bisweilen 
  hinzutretenden Blätterfries nicht wesentlich gesteigert, 
  stellt sie nur ein feines horizontales Band dar, das sich 
Gothisches Gesimspmgip um die Mannichfaltigkeit der vorspringenden und zu- 
 rücktretenden Theile verknüpfend schlingt. Den Strebe- 
pfeiler selbst bildete man nun reicher aus. Da der über dem Dache empor- 
ragende Theil höchstens als Belastung der unteren Masse statisch erforder- 
lich war, so schnitt man den vorderen Theile des Strebepfeilers schräg ab 
und "setzte auf seinen Kern einen säulengetragenen Baldachin mit hohem 
 Spitzhelm, unter welchem eine Statue Platz fand. Bald 
Fig- 323- aber" liess man in mehr organischer Weise eine schlanke, 
h", 5  übereckgestellte Pyramide, von den alten Werkmeistern 
 Fiale genannt, aus dem Pfeiler hervorwacbsen, die 
Ä 7' man oft mit kleineren N ebenfialen umgab, oder zu der 
' man in mehreren Abstufungen selbständige Fialen hin- 
 zufügte (vgl. Fig. 320 u. 5321). Die Fiale bildete man 
' "l aus zwei Theilen: aus dem schlanken Spitzdache, dem 
Kmbhm Riesen (von dem. alten YVorte reisen, sich erheben, 
aufsteigen, engl. 10 rise), und dem unteren Theile, dem 
Leib ef Letzteren pflegte man durch blind aufgemeisseltes Stab- und 
Masswerk zu verzieren; ersteren durch kleine Steinbltlmen, Krabben, 
auch Knollen genannt (Fig. 323), die auf den Ecken gleichsam empor- 
kriechen und auch ihrerseits die auf-wärts treibende Bewegung höchst leben- 
dig aussprechen. Aus der Spitze der Fiale blüht end- 
Fis-TM- lich eine kreuz-förmig ausladende Blume (Fig. 324) her- 
 _ vor. Jene Krabben liebte man überall auf schräg an- 
 ä steigenden Linien am Aeusseren, so namentlich auf den 
  Rücken der Strehebögen (vgl. Fig. 320 u. 321), anzu- 
 y: . ä"  brin en.  An einfacheren Bauten gibt man dem Strebe? 
 pfeilär wohl blos eine schräge Bedachung oder ein 
 "schlankes Giebeldach. Wie das ganze Strebewerk in 
  späteren Bauten einfacher. nüchterner behandelt wird, 
 "E2; wie namentlich die Strebebögen dann oft eine schräg 
  herablaufende gerade Linie bilden, ohne alle reichere 
 i plastische Decoration, erkennt man an der Seitenansicht 
Rreuzblume. der Kirche S. Etienne zu Beauvais (Fig. 325) , die 
 überhaupt die unschönen und mageren Formen der 
S ätzeit veranschaulicht.  
P  yVährend die Seitenansicht und der Chor der gdthischen Kirche durch 
jene Zerklüftung unruhig und verworren erscheinen, stellten sich nur an 
den Giebeln des Kreuzschides und an der Facade ruhige Flächen in 
geschlossener Masse dar. Die Kreuzgiebel, deren Strebepfeiler auf den
        

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