Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1684035
Drittes Kapitel. 
Gothischer Styl. 
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auch an der Oberwand Strebepfeiler auf, allein da dieselben an den Pfeilern 
des Mittelschiffes eine nicht eben breite Basis hatten, so konnten auch sie 
nur schwache Ausladung erhalten. Daher schlug man von ihrem oberen 
Punkte einen über dem Dache des Seitenschiffes frei schwebenden Bogen, 
den Strebebogen, nach dem äusseren Strebepfeiler hinüber, und hatte Strebebogeu. 
nunmehr den Seitenschub der oberen Gewölbe ebenfalls auf die äusseren 
Streben geleitet. Man gab dem Strebebogen nach unten "die Profilirung der 
Gewölbrippen, nach oben eine schräge Abdachung, und benutzte ihn ausser- 
dem durch Anlegung einer Traufrinne als Ableitungskanal für das Regen- 
wasser. Am unteren Ende über dem Strebepfeiler wurde ein "Wasser- 
speier in Form eines hockenden Thieres, eines Hundes oder Drachen und 
dergL, angebracht, durch dessen geöffneten Rachen das fallende Wasser . 
weit vom Bau hinweggeschleudert wurde. Um nicht dem Strebebogen eine 
unnöthige Schwere zu geben, durchbrach man seine Masse mit freiem 
b Fenstermassiverk oder Rosetten. Complicirter 
{ä  musste dieses Strebesystem werden, wo zwei 
  Seitenschiife das Mittelschiff einfassten (vgl. 
  i  321). Hier führte man, um den Strebe- 
  IL bogen den erforderlichen .Halt zu geben,  
    dem die beiden Seitenschiffe trennenden Pfei- 
1      ler ebenfalls einen freien Strebepfeiler auf, 
  und schlug von ihm nach der Mittelschiff- 
  Wand und nach dem äusseren Strebepfciler je 
    einen Bogen. Um aber dem mittleren Pfeiler 
H?  noch kräftigeren Halt und durch grössere 
    Belastung vermehrte Festigkeit zu geben, 
  X  führte man nun je zwei Strebebögen über 
 M;  einander auf, so dass auf jeden äusseren 
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schwindet, zumal am Chorschluss, wo durch die vielfachen Polygbnformen 
eine divergirende Stellung aller Strebepfeiler bewirkt und ein dem Auge 
unentwirrbares Chaos vorgeführt wird. Vor all den Einzelheiten verliert 
man den Eindruck des Ganzen, welches nach Schnaases bezeichnenden, 
Ausdruck völlig zerklüftet erscheint. Und so sehr ist der gothische Stvl 
eine Architektur des Inneren, dass er diesen Charakter selbst dem Aeusse- 
ren aufprägt; denn, wie Schnaase tragend bemerkt, hin den Organismen. 
der Natur ist das Knochengerippe und der Zusammenhang der dienenden 
und ernährenden Theile im Inneren verborgen, das Aeussere, zeigt eine  
undurchbrochene Oberiiäche: hier liegt dagegen dies Rippenwerk nackt vor 
Augen" Man kann daher sagen, die gothische Architektur habe kein 
Fleisch, sie sei nur ein Knochenskelett.  
Erhöht wird jene Verwirrung durch die Ausbildung der Strebe- Ausläilflung 
Pfeiler. Von den Gesimsen, welche in gewissen Abständen den Strebe- Strebefffeilc, 
Pfeiler umziehen oder nur an seiner Vorderseite sich zeigen, sprachen 
wir schon. Ihre Form ist sehr charakteristisch. Weit entfernt von der 
kräftigen Gliederung romanischer Gesimse, welche in wohlberechnetem
        

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