Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1683885
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Fünftes Buch. 
verfällt es auch schon einer gewissen schematischen Beschränkung, so dass 
es sich an Mannichfaltigkeit der Combinationen mit dem romanischen nicht 
messen kann. Allerdings scheint diese Behauptung, der Fülle mannichfach 
verschiedener Denkmäler gegenüber, unhaltbar. Allein die Abweichungen, 
die der gothische Styl erfährt, erlebt er gleichsam gegen seinen Willen, 
im Widerspruche mit seinem Princip, dessen Reinheit dadurch getrübt 
wird; der romanische Styl dagegen erzeugt eine unendlich reiche Mannich- 
faltigkeit aus seinem innersten Wesen heraus, spricht gerade durch sie sei- 
nen Charakter erst vollständig aus. In Deutschland z. B. geht unter der 
Herrschaft besonderer Bedingungen ein stark modificirter Styl aus dem 
gothischen hervor, der später zu betrachten ist. Die Höhe der gothischen 
Baukunst wird schnell erreicht, wenngleich in den verschiedenen Ländern 
nicht zu derselben Zeit. Die edelste Blüthe währt bis gegen die Mitte des 
14. J ahrh. Von da dringt ein Geist der Auflösung in die gothische Archi- 
tektur; ein Spielen mit den Formen beginnt, die Decoration besiegt die 
Construction , und unter diesem Einfluss entarten die Formen bald. Den- 
noch hält der Styl sich in manchen Gegenden, namentlich im Norden], bis 
tief in's 16. Jahrhundert hinein, während in Italien schon im Beginn 
des 15. eine Reaction zu Gunsten der antiken Bauweise anhebt, die all- 
mählich den gothischen Styl verdrängt. In Folge dieser Neuerung gab 
man auch dort zum ersten Mal jener Architektur den Schimpfnamen der 
DgOthlSCllGIW, von einer barbarischen Nation abstammenden. Neuere Kunst- 
forscher haben diesen Namen durch andere Bezeichnungen zu ersetzen ver- 
sucht. Aber weder als ndeutschera, noch als vSpitzbogenstyla, wird er rich- 
tig bezeichnet; nur der hin und wieder gebrauchte Ausdruck ngermanischer 
Styla trifft das Wesen der Sache. Da indess eine Verwechslung nicht 
möglich ist,  so mag es bei dem einmal geläufigen Namen sein Bewenden 
haben. 
Das System der gothischcln 
Architektur. 
Die Grund- 
elemente. 
So verschieden auch der Geist des neuen Styles von dem der früheren 
Epoche war , so hielt er doch ebenfalls an der durch die romanische 
gewölbte Basilika gegebenen Grundlage fest. Waren ja die Bedürfnisse 
und Zwecke des Cultus, für welche er zu sorgen hatte, dieselben geblieben. 
Die alten Elemente wurden nur in einem neuen Sinne umgewandelt. Die 
äuSSeren Mittel, deren man sich dazu bediente, brauchten keineswegs erst 
erfunden zu werden; sie waren bereits vorhanden, und es galt nur, sie in 
ihrer Bedeutung z'u würdigen und zu einem constructiven System zu ver- 
einigell- Diesen genialen Griff thaten zuerst die nordfranzösischen Bau- 
meister. Was die Gestaltung des Grundrisses betrifft, so wählten sie jene 
reiche FOIIII des Chorschlusses mit Umgang und Kapellenkranz, Welche 
schon die romanische Architektur in Burgund kannte. Auch die fünfschiffige 
Anlage des Langhauses, die dreischiffige der Querfiügel, die man den Ka- 
thedralen gewöhnlich gab , schrieb sich von dorther. Nicht minder waren 
die wichtigsten Bestandtheile der Oonstruction bereits früher an manchen 
Orten in Uebung. Den Streb epfeiler, den man schon an den mächtigen 
Wasserbauten der Römer findet, wusste die romanische Architektur, am 
häufigsten die des benachbarten England , wohl zu verwenden, und selbst
        

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