Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1683862
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Fünftes Buch. 
Grundgedan- 
ken des Styls. 
die Antike: aber er ist keineswegs etwa, wie einseitige Verehrer uns ein- 
reden möchten, die nothwendige höchste Blüthe seinesVorgängerS- ES 
liesse sich vielmehr recht wohl denken, dass das Mittelalter den romani- 
schen Styl nicht zum gothischen System umgestaltet, dass es in jenem 
sein volles Genügen gefunden hätte. Ist also der romanische Styl allerdings 
die unerlässliche Voraussetzung des gothiSChEn, S0 ist er darum doch Iliäbt 
minder für sich zum vollendetenkünstlerischen Abschluss gekommen, und 
hat sein Ideal mindestens eben so vollständig verwirklicht, wie der gothische 
Styl das seinige. Nur die cons truc tiven T.en denz en, welche der 
Romanismus angeschlagen hatte, boten der neuen Bauweise einen unmittel- 
baren Anknüpfungspunkt dar, und erfuhren von ihr eine consequente höhere 
und freiere Lösung. In dieserBeziehung verhalten sich. die beiden mittel- 
alterlichen Style -zu einander ungefähr wie die beiden antiken I-Iauptstyle. 
Wie der dorische Triglyphenfries dem Grundplan des Tempels etwas Ge- 
bundenes gab, wovon der ununterbrochen fortlaufende ionische Fries ihn 
"befreite  denn die Anordnung der Triglyphen beherrschte die Stellung 
der Säulen zu einander, und dadurch die Grundform des ganzen Tempels  
so war auch im romanischen Styl durch den Rundbogen die quadratische 
oder annähernd quadratische Eintheilung der Planform vorgeschrieben, und 
erst der Spitzbogen konnte eine freiere Anordnung des Grundrisses bewir- 
ken. Diese Tendenz hatte, wie wir sahen, auch der Uebergangsstyl, und es 
fehlt nicht an bedeutenden Bauwerken , an welchen dieselbe in consequen- 
ter Weise durchgeführt ist. Der gothische Styl versuchte dieselbe Aufgabe 
von einer anderen Seite, und dies ist, was er mit der Uebergangsarchitektur 
gemein hat. Aber er verfolgte zugleich noch ein anderes Ideal, dessen Ver- 
wirklichung ihn von allen früheren Bauweisen diametral unterscheidet. Er 
löste nämlich die strenge Mauerumgürtung, welche bei allen früheren Stylen 
den "Innenraum umschloss , und in deren künstlerischer Durchbildung sich 
der Geist der verschiedenen Bausysteme offenbarte. Statt der Mauer ordnete 
er eine Anzahl vereinzelter Pfeilermas-sen an, welche, nur durch dünne 
Füllwände zum Theil verbunden, den Rahmen für die ungewöhnlich grossen 
und weiten Fenster abgeben und dem Bau den Charakter eines ungeheuren 
Glashauses verleihen. Dasselbe Gesetz macht Isich sodann auch bei der 
Ueberdeckung der Räume geltend. Diese werden durch ein System kräf- 
tiger Gewölbrippen geschlossen, zwischen welche als leichte Füllungen 
dreieckige , dünn gemauerte Kappen eingespannt sind. AIn diesem Streben, 
die Massen aufzulösen, die Einheit des Baues in eine Unzahl freier, selb- 
ständiger Einzelglieder zu zerlegen , den Horizontalismus , diese unerläss- 
liche Grundbedingung der Architektur, zu verleugnen und durch einen 
extremen Verticalismus zuverdrängen, ja, den Gesetzen der Natur gleich- 
sam zum Trotz, durch einen auf die äusserste Spitze getriebenen Calcül 
ein wie durch ein Wunder aufschiessendes Bauwerk hervorzuzaubern, in 
dieser ganzen, schrankenlosen Vergeistigung der Materie kommt der natur- 
feindliche Spiritualismus des Mittelalters zur architektonischen Erscheinung, 
In dieser Hinsicht ist der gothische Styl. unbedingt die Spitze der christlich- 
mittelalterlichen Bauentwicklung. Er spricht die erdverachtende "Ueber- 
weltlichkeit jener Epoche in glänzendster Consequenz, aber auch in schroff. 
ster Einseitigkeit aus.
        

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