Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1683859
DRITTES 
KAPITEL. 
D 
gothi 
tyl. 
Allgelneines. 
Schon am Ende der vorigen Epoche sahen wir in der Architektur einen Veränderte 
neuen Geist erwachen, neue Kräfte pulsiren, "die den romanischen Glieder-  
bau durchzuckten und fremdartige Formen aus seinem Kerne hervorgehen 
liessen. Der romanische Styl, der in seinen edelsten Schöpfungen den Inhalt 
Seiner Zeit, die Verschmelzung antiker Tradition mit christ- 
lic h -g e r m a n i s c h e m L e b e n, so lauter und vollkommen ausgesprochen 
hatte, wurde durch diese neue Gährung aus seiner ruhigen Bahn verdrängt 
und zu Ausschreitungen getrieben, die ihm einen unklaren, schwankenden 
Ausdruck gaben. Diese geistige Bewegung wuchsallmählich so stark an, 
dass sie die Gesetze des hergebrachten, _seit zwei Jahrhunderten blühenden 
Styles gewaltsam durchbrach und sich eine neue , durchaus selbständige 
Erscheinungsform schuf. 
Es ist das aris t ok ra tis c h-b ürgerlich e Element, welches fortan fkristqlfra- 
alle Lebensäusserungen beherrscht. Wir sahen schon in der vorigen Epoche 
im Schoosse der gesellschaftlichen Ordnung diese Umwälzung sich vor- 
bereiten. Sie wurde in Frankreich vorzugsweise durch das auf dem Gipfel 
seiner Entwicklung stehende Ritterthum, in Deutschland durch das in jener 
Epoche noch überwiegend aristokratische Bürgerthum getragen. Man darf 
sich indess nicht die Vorstellung von einem feindlichen Gegensatze dieser 
gesellschaftlichen Elemente gegen das Priesterthum machen. Nichts würde 
dem Geist des Mittelalters widersprechender sein. Weit eher könnte man 
behaupten, dass die neue überwiegend bürgerliche Entwicklung von einer 
spirituelleren Religiosität erfüllt gewesen sei, als vorher in den Zeiten vor- 
waltend hierarchischen Gepräges. Es vollzog sich nur ein innerlich noth- 
wendiges Gesetz der Entwicklung , dass die Geistlichkeit, die fortan nicht  
mehr alleinige Trägerin der Bildung bleiben konnte, nicht ferner mehr aus- 
schliesslich dem Leben seinen Zuschnitt gab, dass alle in der vorigen Epoche 
unter sorglicher Pflege der Kirche herangereiften Mächte des gesellschaft- 
lichen Lebens in jugendlicher Rüstigkeit die Schule Verliessen und sofort 
dem Dasein einen neuen Inhalt, eine neue Gestalt schufen. 
Dies erscheint als der Grundgedanke , aus welchem eine Erklärung Verhälfniss 
jener überraschenden Thatsache eines z w e i te n d u 1- 9h a u S s e 1 b s t ä n-  
digen chrisHieb-mittelalterlichen Baustyles zu schöpfen ist. romanischen- 
Nur dem frisch erwachten jungen Leben, das auf durchaus neuen Cultur- 
elementen ruhte , verdanken wir die Erzeugung der gothischen Architektur, 
die in besonderer Weise die christliche Anschauung ausspricht;- nachdem 
dieselbe vorher schon durch den romanischen Styl in eben so selbständiger 
Gestalt, wenn auch in verschiedener Auffassung, ausgeprägt worden war. 
Allerdings ist der gothische Styl aus dem romanischen hervorgegangen, hat 
ihn zur wesentlichen, ja unentbehrlichen Voraussetzung, wie jener wiederum
        

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