Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1683778
Zweites Kapitel. 
Romanischer Styl. 
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diese jedoch ohne Apsiden, hervor. Auf der Kreuzung, die ein weit höher 
geführtes Gewölbe hat, erhebt sich meistens ein kräftiger viereckiger Thurm. 
Zwei schlankere viereckige Thürme steigen an der westlichen Facade auf. 
Diese Anordnung gibt auch dem Aeusseren etwas Klares, Gesetzmässiges, 
dabei Ernstes und Ruhiges. Die thürmereichen Anlagen Deutschlands, be- 
sonders der Rheingegenden, die achteckigen Kuppeln auf der Kreuzung 
vermeidet dieser einfachere Styl. Die Gliederung der Aussenmauern wird 
durch sehr kräftige Lisenen , die an der Westfacade sich sogar zu Strebe- 
pfeilern ausbilden, bewirkt. Manchmal verbinden sich damit an den Ober- 
mauern Arkaden von Blendbögen. Der Rundbogenfries fehlt fast gänzlich 
und wird durch ein auf phantastisch geformten Consolen ruhendes Gesims 
ersetzt. Die Facade hat in der Mitte ein kräftig markirtes, durch Säulchen 
eingefasstes Portal, dessen Archivolten meistens reich geziert sind, darüber  
aber statt der Rose mehrere Reihen einfacher Rundbogenfenster, den Stock- 
werken des Inneren entsprechend. Die Thürme, in schlichter Masse auf- 
steigend, haben ein schlankes , steinernes Helmdach , und auf den Ecken 
vier kleine Seitenspitzen] 
Dieses einfache, den constructiven Grundgedanken in allen Theilen Detailbilduns 
klar und anspruchslos darlegende bauliche Gerüst entbehrt nun an den 
geeigneten Stellen der reicheren Ausschmückung nicht. Aber auch in der 
Ornamentation waltet ein entschiedener Gegensatz gegen die plastische, auf 
antiken Elementen beruhende Schönheit und Anmuth der südfranzösischen 
Werke. Ein herber, strenger Zug geht durch alle Details dieses Styles hin- 
durch. Zwar ist die Säulenbasis, zwar sind die horizontalen Glieder aus 
antiken Formen hervorgegangen, und selbst das Kapitäl zeigt bisweilen eine 
Nachbildung, wenn auch eine starre, ungefüge, des korinthischen Schemas. 
Aber im Allgemeinen herrscht ein ganz besonderer, nordischer Geist darin. 
Die Säulenkapitäle sind vorwiegend würfelförmig, nicht wie in Deutschland 
mit mannichfachem Blattornament bedeckt, sondern in der Regel mit einer 
linearen Verzierung ausgestattet, die, in senkrechten Rinnen abwärts lau- 
fand, dem Kapitäl eine gefältelte Oberfläche gibt. Am lebendigsten aber, 
ja in einer gewissen prunkenden Fülle, entfaltet sich die Ornamentik an 
den Archivolten der Portale, den Bögen des Inneren und den daselbst über 
den Arkaden bis zum Arkadensims sich ausbreitenden Wandfeldern. Aber 
alle diese Verzierungen verschmähen das biegsame, weichgeschwungene 
Pflanzenwerk, und beschränken sich allein auf ein Spielen mit reich ver- 
schlungenen Linien. Der Zickzack, dle Raute, der Stern, der Diamant, das 
Schachbrett, der gebrochene oder gewundene Stab, das Tau, die Schuppen- 
und Mäanderverzierung und ähnliche Combinationen sind, oft in derber 
plastischer Ausmeisselung, die Elemente, aus welchen diese Decoration 
sich zusammensetzt. Damit verbinden sich an Consolen und anderen be- 
sonderen Stellen Köpfe von Thieren und Ungethümen, die 'dem beinah 
trocken mathematischen Spiele den Beigeschmack eines wild phantastischen, 
Sinnes geben.  
Der Hauptsitz dieses Styls ist die Normandie. Zu den älteren Anla- Abtcik. von 
gen zählt man die Abteikirche von Jumieges, in deren stattlichen Jummges" 
Ruinen man die Reste des 1067 geweihten Baues zu erkennen glaubt, und 
S. George zu Bocherville, zu Wilhelm des Eroberers Zeit erbaut, von S.Georg7.u 
rohem, primitivem Charakter. Dem entwickelten Styl gehören die im B"chc"v'nc' 
Lü b ke, Geschichte d. Architektur. 24
        

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