Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1683067
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Fünftes Buch. 
Die Seitenschiffewerden nun fast auf die Breite des Mittelschilfes erweitert, 
gleich diesem.mit Kreuzgewölben bedeckt, und dadurch der Kirche ein 
veränderter, mehr hallenartiger Charakter gegeben. YVic diese Form 
vorzugsweise an städtischen Kirchen benutzt wird, während in denselben 
Gegenden zu. gleicher Zeit die reicher abgestufte, aufgegipfelte, der aristo- 
kratischen Gliederung der Gesellschaft zu vergleichende Basilika an Kathe- 
dralen und Abteikirchen fast ausschliesslich zur Anwendung kommt, so 
lässt sich mit der nivellirenden , die exclusive Bedeutung des Mittelschiffes 
verwischenden Tendenz der Hallenkirche jene bereits mächtig sich 
regende Richtung der städtischen Gemeinen nach Beseitigung der-patri- 
zischen Alleinherrschaft treffend vergleichen. Und auch diese Bewegungen 
des politischen Lebens gehören wesentlich dem deutschen Boden. 
 Kehren wir noch einmal zu den klösterlichen Herden der Architektur 
 zurück , so finden wir, dass die Kirchen der Abteien, Stifter und Klöster 
keineswegs so isolirt für sich lagen, wie wir sie der Betrachtung unter- 
werfen mussten. Das Gruppenbildende der mittelalterlichen Baukunst tritt 
auch hier wieder deutlich hervor. Im Gegensatz zum antiken Tempel, der 
in einsamer Herrlichkeit wie ein plastisches Gebilde. fern von anderen Bau- 
anlagen aufragte, erhebt sich die mittelalterliche Kirche in der Regel aus 
einer Umgebung mannichfach gestalteter Baulichkeiten , mit denen sie eine 
S-"krismi lebensvolle, malerische Gruppe bietet. Schon die Sakristei, die sich 
meistens der Nordseite des Ohores anlehnt, gibt sich als ein solcher, die 
strenge Symmetrie aufhebender, mehr die malerische Erscheinung fördern- 
der Anbau zu erkennen. Wichtiger für die architektonische Gestaltung sind 
 die Kreuzgänge (auch Umgänge genannt), welche in der Regel an der 
nördlichen oder südlichen Seite der Kirche liegen und mit dem betreffenden 
 Kreuzflügel und NebenschiHe durch Eingänge in Verbindung stehen. Es 
sind bedeckte Hallen, meistens mit Krefuzgewölben versehen , im Viereck 
einen Garten oder Begrähnissplatz umscgiessend. Sie dienten den Mönchen 
als Erholungsgänge, als Plätze stillen frachtung, bei feierlichen Aufzügen 
auch wohl als Prozessionsweg. Naäem freien Mittelraume öffnen sie 
sich durch Arkaden, welche, auf Säulen ruhend, anziehende Durchsichten 
gestatten und die Architektur mit der vegetativen Umgebung freundlich 
verbinden. An den mehrfach gekuppelten Säulen entfaltet sich in diesen 
Bauten oft die romanische Ornamentik zu reichster Fülle und bezauberndster 
Grazie. (Vgl. unsere Abbildung des Kreuzganges der Kathedrale zu Arles 
Fig. 215.) Bisweilen sind diese Kreuzgänge durch Säulenstellungen sogar 
in zwei Schiffe getheilt, wie zu Königslutter. Ausserdem bedurfte jedes 
KlOSU-Ir eine Menge anderer, verschiedenartiger Räumlichkeiten, unter wel- 
Refectorhun chen das Refe ctoriu m , auch Remter (der Speisesaal), und der Kapi- 
u-Kßpltelsaal- telsaal (der Ort für die Berathungen des Convents) besonders sorgfältiger 
Ausbildung sich erfreuten. Endlich wurde der ganze Complex sammt den 
umgebenden Üßliünomie-Gebäuden und Hofräumen durch eine Umfassungs- 
mauer umschlossen 7 die an englischen Abteien oft festungsmässig durch- 
geführt und mit einem Zinnenkranze gekrönt ist. In Deutschland ist die 
Itlaulbroun. Anlage des ehemaligen Cisterzienserklosters Maulbronn f) in Würtemberg 
Llittelalterl. Bauwerke im südwestl. Defltsclnland. Hefti 
 Artistische Beschreibung der vormahgenCiswrzienser 
 Tüchtige {Aufnahlnc-n in F. Eisenlohr: 
F01. Carlsruhe 1'453.  Vgl. H. Klunzinger 
Abtei hiaulbronxx. S. Stuttgart 1849.
        

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