Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682803
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Fünftes Buch. 
und erhält in der Regel eine kleine , von Mauern umschlossene, mit einem 
Dache bedeckte Vorhalle, welche Paradies genannt wird. Meistens stehen 
die Hauptkirchen, da sie einem Kloster angehören, mit anderen baulichen 
 Anlagen in Verbindung, die sich gewöhnlich an eine der Langseiten an- 
schliessen. In solchem Falle pflegt die gegenüber liegende, frei hervor- 
tretende Seite als die Schauseite reicher ausgestattet zu sein und auch das 
für die Gemeinde bestimmte Hauptportal zu haben. Ob diese Seite die 
südliche oder die nördliche ist, hängt von lokalen Bedingungen ab. XVenn 
man dagegen im Inneren manchmal die eine Seite reicherÄausgeschmückt 
findet als die andere, so scheint darin eine symbolische Beziehung verborgen 
zu sein.  
Fiesßmmt- Der ganze Bau wurde unregelmässig in Bruchsteinen aufgeführt und 
 erhielt meistens eine Verkleidung von schön bearbeiteten , sauber gefugten 
Quadern. Der höhere oder niedere Grad der technischen Ausbildung wurde 
allerdings durch mancherlei äussere Bedingungen, besonders auch durch 
das-vorhandene Material bestimmt. Für die Gesimse und Sockel bediente 
 man sich in mancherlei Verschiedenheit der Formen, die wir bereits bei 
Betrachtung des Inneren anführten. Wir fügen nur noch hinzu, dass alle 
Profile kräftig gebildet wurden, wie es dem Charakter solcher Massenbauten 
entsprach. Fassen wir demnach den Gesammteindruck dieser Bauwerke 
in's Auge, so stellen sie sich als wohlgegliederte , künstlerisch componirte 
Schöpfungen dar, die nicht allein einen lebendigen Zusammenhang der 
T heile, sondern auch eine in's Einzelne durchgeführte Unterordnung der- 
  selben nach ihrer wesentlichen Bedeutung zeigen. Eine ruhige Massen- 
Wirkung herrscht vor, nur durch kleine Fensteröifnungen unterbrochen und 
durch wohlberechnete Glieder belebt. Der Eindruck ist ein feierlich impxo- 
nirender, vornehmcr, in ruhiger WVürde mehr abweisender als anlockender. 
Nur an den Portalen öffnet sich in einladendem Entgegenkommen das 
Innere dem Aussenstehenden. Selbst die reichste Durchbildung, selbst die 
brillanteste Thurmentfaltung mildert zwar wohl den schlichten Ernst dieser 
Bauten, ohne jedoch ihre aristokratisch-priesterliche Würde zu mindern. 
Sie zeigt sich an ihnen nur im stolzen Pomp hierarchischen Machtgefühls. 
So geben sie ein Zeugniss vom Wesen ihrer Zeit, und es verdient dem- 
gemäss hier hervorgehoben zu werden, dass der reiche, hochgebildete Orden 
der Benedictiner die glänzendste Entfaltung dieses Styls getragen hat. 
lualerischsr Im Gegensatz gegen frühere Style zeigt nun aber_das Aeussere der 
 romanischen Kirche ein male ri s che s , gruppenbildende s Element, 
auf dessen tiefere Beziehung zum Charakter des Mittelalters wir hier nur 
andeutend zu verweisen haben. Der römische Styl hatte einen Anfang nach 
dieSeY Richtung der Architektur gemacht. Aber er stand noch in zu stren- 
ger Abhängigkeit von den künstlerischen Principien der griechischen Bau- 
kunst, als dass er darin weitere Schritte zu thun vermocht hätte. "Daher 
kam er aus dem Gegensatz von Säulenbau und Gewölbebau nicht heraus. 
der sich denn gerade am Aeusseren in unheilbarer Zwittergestalt darstellte. 
Die altchristliche Basilika war gleich dem byzantinischen Centralbau ein 
bedeutsames Gruppensystem; aber das erstere verharrte in ziemlich roher 
Andeutung der Grundverhältnisse, das andere verwickelte sich in einen 
Nlechanismllsy dem der geistige Odem der Entwicklung ausging. Erst 
der romanische Styl entfaltete ein vielfach gruppirtes. .aus Theilen von
        

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