Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682735
Zweites Kapitel. 
Ron1anischex' Styl. 
265 
gemeinsamem Schlussaccord die einzelnen rhythmischen Bewegungen des 
Langhauses zusammen. Und diese Bewegungen selbst sind massig. feier- 
lich und eng begrenzt. Dicht über die Arkaden legt sich in strenger Linie 
das horizontale Gesims; über ihm steigen in unbelebter Masse die Ober- 
wände auf, und die gerade Decke breitet sich schliesslich in starrer Bewe- 
gnngslosigkeit über das Ganze, wie über dem vielgestaltigen Leben das 
ernste Gebot der Kirche herrscht. WVie aber die priesterliche Satzung sich 
mit den Grundlehren praktischer Moral verbindet und dadurch dem indivi- 
duellen Gefühl in wärmer-er, persönlicherer Weise näher tritt, so breitet- 
sich auch über das ganze schlichte bauliche Gerüst, das in seinen Wand- 
fiächen und-der lastenden Decke monoton erscheinen würde, ein buntes, 
reiches Leben aus, und es grüssen uns von ernstem Grunde die Gestalten 
der Propheten, Apostel und Märtyrer, die heiligen Geschichten des alten 
und neuen Bundes, und aus der geheimnissvollen Ferne der Apsis ragt, 
auf dem Regenbogen thronend, die Rechte feierlich erhoben und in der  
Linken das offene Buch des Lebens, mächtig vom Goldgrunde sich hebend, 
die Kolossalfigur des Welterlösers, um ihn die Evangelisten und Schutz- 
patrone der Kirche. Selbst die Holzdecken des Schiffes sind mit Gemälden 
geschmückt, Wenngleich von solchen leicht zerstörbaren Werken nur selten 
Etwas erhalten_ist. Auch die Bemalung der Wände hat in der Regel spä- 
terer Uebertünchung weichen müssen; aber unter der dicken Hülle sind 
die alten Gestalten noch vorhanden, und man braucht nur zu klopfen, so  
sprengen sie ihre Decke und treten wie gerufene Geister hervor, Zeugniss 
zu geben von dem Leben längst vergangener Zeiten. 
Haben wir Gestalt und Ausbildung des Inneren uns klar gemacht, so Damen; 
wenden wir nun unseren Blick dem Aeuss eren zu, um zu erfahren , in 
wiefern dasselbe dem' inneren Wesen des Baues entspricht. Die altchrist- , 
liche Basilika hatte einen noch sehr unentwickelten Aussenbau und deutete 
bloss durch Gruppirung der Theile und_ doppelte Fensterreihe ihr zwei- 
stöckiges Innere an. Nur in den Bauten von Ravenna hatte man eine Be- 
lebung und Gliederung der Wandliächen versucht und einen, edoch nQch 
isolirt stehenden Glockenthurm hinzugefügt. Die durchgreifendste Neuerung 
des romanischen Styls bestand nun in der organischen Verbindung von 
Thu rmb au und Kirche. Das praktische Bedürfniss schien auf die Anlage '.l'hm'lnl 
eines einzigen Thurmes hinzuweisen, und in der That finden sich Kirchen, 
welche einen solchen an ihrer XVestseite besitzen. Diese Anordnung erwies 
sich jedoch in künstlerischer Hinsicht keineswegs günstig; denn indem der 
Thurm sich vor das Mittelschiff legte und mit Seiner Masse die ganze Höhe 
dieses wichtigsten Bautheiles verdeckte, liess er durch den Gegensatz die 
niedrigen Seitenschiffe nur noch unselbständiger erscheinen, und es ent- 
stand mehr ein Widerspruch als eine Gruppirung. Die künstlerisch mass- 
gebenden Bauwerke jenes Styls haben deshalb meistens zwei westliche 
Thürme, welche sich in kräftiger Masse zu beiden Seiten des zwischen 
ihnen verlängerten.Mitte1schiffes erheben, die in demselben gipfelnde Hö- 
henrichtung der Kirche zu einem noch höheren Punkte führen und die 
Hauptform des Baues klar hervortreten lassen. Diese Anlage entspricht 
auch geistig dem Doppelwesen des Mittelalters am besten. Häufig wurde  
allerdings die Klarheit der Facadenbildung wieder dadurch getrübt, dass 
man den die 'l'hürme verbindenden Älauertheil höher emporführte und hori-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.