Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682712
Zweites Kapitel. 
Romanischer Styl. 
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Styl seine Hauptglieder zwar ebenfalls ihrem structiven Wesen entspre- 
chend, wenngleich in einer dem Charakter des Styls wohl angemessenen 
derberen Empündung; aber wo er zu lebendigererprnamentaler Ausstattung 
vorschreitet, da folgt er ganz anderen Ge- 
Fiä- m-   setzen. Das Blattwerk und die Blumen, die Vssvtaiives- 
  er vorzugsweise anwendet, gehören nicht den 
Bildungen der natürlichen Pflanzenwelt an. 
äää; Wohl erinnern diese verschlungenen Ranken- 
w  und Blättergewinde im Allgemeinen an vege- 
 tatives Leben, aber fast niemals an ein be- 
 stimmtes, klar zu bezeichnendes. Die For- 
 men sind durchweg verallgemeinert, archi- 
 tektonisch stylisirt, conventionell behandelt. 
 Sie zeigen überall, dem Charakter des Styls 
  E 'E   trefflich entsprechend, eine kräftigere Zeich- 
Schachbretb Schuppe]? und nung, eine vollere Körperlichkeit, als die 
zickzacklomamenßh Natur in ihren Gebilden darbietet. Auch 
werden die Blattrippen häufig mit den soge-  
nannten Diamanten, kleinen runden, an einander gereihten Vertiefungen  
(vgl. Fig.-166 u. folgende) besetzt. In der That würde ein fein durch- 
geführter Naturalismus nicht sonderlich zu der ganzen derben Formbildung, 
dem massenhaften Wesen dieser Architektur gestimmt haben, und wir 
müssen daher dieser Behandlungsweise, mochte sie nun aus der Scheu des 
frühen Mittelalters vor den Schöpfungen der Natur, oder aus dem richtigen 
Gefühl für das architektonisch Angemessene, oder aus beiden Ursachen, 
wie es wahrscheinlich ist, entspringen, ihre volle Berechtigung zugestehen. 
Ein anderes wichtiges Element bildeni die auf, dem Spiel geometrischer Lineares. 
Linien beruhenden Verzierungen. Auch bei den maurischen Bauten trafen 
wir diese Gattung des Ornaments an , ja sie war dort das Ueberwiegende. 
Dennoch machen sich hier ebenfalls die grössten Verschiedenheiten beider 
Style bemerklich. Der maurische Styl ist unerschöpflich in der Combination 
seiner geometrischen Zierformen, aber er bildet sie nicht plastisch aus. Sie 
gewinnen so zu sagen in der athemlosen Hast ihres Durcheinanderirrens 
und Verschlingens keine Körperlichkeit und erscheinen gleichsam nur als 
schattenhafte, farbenschillernde Gaukeleien einer rastlosenPhantasie. Dei" 
romanische Styl schliesst hier jene unerschöpfliche Mannichfaltigkeit , die 
aus sich selber stets neue Formen gebiert, mit ernstem Sinn aus, Er nimmt 
nur eine gewisse Reihe von derartigen Linien-Ornamenten auf, unter denen 
die Rautenform, das geflochtene Band, die Wellenlinie, der Zickzack (letz- 
terer vorwiegend an normanniScllen Denkmälern) die gewöhnlichsten sind. 
Wie es ihm hierbei auf ruhigere, mehr körperliche Wirkung ankommt, so 
gibt er diesen Formen denn auch ein volleres, plastisches Leben, so dass 
sie mit ihrer vorquellenden Rundung und tiefen Auskehlung eine kräftige Auimalisches. 
Wirkung erreichen. Endlich aber kommen auch Thier- und Menschen- 
bildungen , vornehmlich an Kapitälen und Gesimsbändern, in gewissen 
Gegenden häufig vor- Diese sind Zum Theil ausschliessend von ornamen- 
taler Bedeutung (vgl. Fig- 172) , Vvie auch die brillantere Ausbildung der 
antiken Kunst sie wohl ihren Kapitälen einzuverleiben sich gestattete; zum 
Theil ergehen sie sich in wunderlich-fratzenhaften Zusammensetzungen.
        

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