Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682607
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Fünftes Buch. 
der römischen Ueberlieferung in der Architektur selbst _von den durchaus 
 germanischen Nationen anerkannt und aufgenommen wurde, welche in der 
Entwicklung ihrer Sprache dieselbe auf s Entschiedenste zurückwiesen. 
Germanische-s, Dass aber das germanische Element das eigentlich schöpferische, die 
Elemem Entwicklung treibende Princip bei der Neugestaltung der Baukunst war, er- 
hellt auf's Klarste aus einem flüchtigen geographischen Ueberblick. Dieser 
zeigt uns die lebendigste architektonische Thätigkeit bei den vorwiegend ger- 
manischen Völkern, den Deutschen, Engländern, den Nord-Franzosen und 
den norditalienischen, stark germanisirten Stämmen. Der Kern Italiens, be- 
sonders Rom, verhält sich während dieser ganzen Epoche so gut wie indiffe- 
rent gegen die neue Bewegung, und klammert sich an die dort übermächtige 
antike Tradition an, wo nicht etwa vereinzelte Einflüsse von Byzanz sich 
Bahn brechen. Allerdings werden wir auch in den Bauten der übrigen 
Länder byzantinische und selbst einzelne, durch die Kreuzzüge eingedrun- 
 gene maurische Elemente antreffen; doch mischen sie sich nur in bescheid- 
ner Unterordnung in die volle und reiche Harmonie, ohne dieselbe zu stören. 
Darin aber beruht ein Hauptgrund für die Anziehungskraft, welche gerade 
der romanische Styl für den Betrachtenden hat, dass durch die gemeinsame 
Grundfärbung die nationalen Besonderheiten in ihren verschiedenen Schat- 
tirungen hindurchschimmern, dass derKerngedanke des Styles in mannich- 
faltigster Weise variirt erscheint. Es ergibt sich daraus eine Lebensfülle, 
eine Frische und Beweglichkeit des Styles, die um so bemerkenswerther 
hervortritt, je ernster und strenger sein eigenstes YVesen ist. 
Priestcrlichcr Es verdient nämlich scharf hervorgehoben zu werden, dass der roma- 
Cha'akter' nische Styl seinem Grundcharakter nach ein hieratischer ist. Auch in dieser 
Beziehung erscheint er als der treue Spiegel seiner Zeit. Einen hierarchi- 
schen Zuschnitt hatte das ganze Leben, und vielleicht um so mehr, je 
weniger im Anfang die weltliche Macht der Priesterschaft sich geltend 
machte. Doch fällt die höchste Aufgipfelung der päpstlichen Obergewalt 
unter Gregor VII. bereits in diese Zeit. Aber abgesehen von jenem mehr 
auf äussere Zwecke gerichteten Streben, war im Anfang dieser Epoche 
das Priesterthum ausschliesslich (Träger der geistigen Bildung und der ma- 
Bedeutung teriellen Cultur. Die Klöster waren nicht allein die Pflanzstätten der Wis- 
d" Klößen senschaft und Gesittung, die Herde für jede künstlerische Thätigkeit: sie 
machten auch das Land urbar und schufen aus Wüsteneien fruchtbare, 
lachende Oasen. Jene Hinterwäldler des Mittelalters, die Mönche, waren 
daher auch die einzigen, in deren Händen sich die Pflege der Baukunst 
befand. Sie entwarfen für ihre Kirchen und Klostcranlagen die Risse und 
leiteten den Bau. Feste Schultraditionen entsprangen daraus, knüpften ihre 
Verbindungen von Kloster zu Kloster und wirkten dadurch , bei aller Ein- 
' heit der Grundformen, zu der hiannichfaltigkeit der Gestaltungen mit. Wie 
 sich um die grösseren Abteien bald Ansiedlungen sammelten und allmählich 
Städte heranwuchsen, so bildeten sich auch aus den Handwerkern, welche, 
im Klosterverbande lebend, den Mönchen bei der Ausführung der Bauten 
dienten, genossenschaftliche Verbindungen , aus denen in der Folge ohne 
Zweifel die Bauhütten hervorgingen. Erst gegen Ausgang der romanischen 
Epoche, wo die inzwischen zahlreich gegründeten Städte Macht undReich- 
thurn zu entfalten begannen, dringt auch der Geist des Bürgerthums in
        

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