Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1680130
Einleitung. 
Strenge ihrer Gesetze blieb sodann die Architektur für die begleitenden 
Künste lange Zeit Richtschnur und Stützpunkt; denn da in diesen das 
Element individuellen Lebens in weit höherem Grade enthalten ist, so arten 
sie für sich leichter in XVillkür und Laune aus. 
Dagegen sind jedoch der Architektur wieder insofern Schranken ge- 54111111116"- 
zogen, als sie die höchsten Ideen nicht mit der individuellen Klarheit und 
Bestimmtheit wie jene beiden Künste, sondern mehr ahnend und allgemein 
zur Anschauung bringt. Vor Allem ist festzuhalten, dass der besondere 
Zweck, dem jedes Bauwerk sich anbequemcn muss, in gewisser Hinsicht 
als hemmende Fessel dem in die Erscheinung strebenden Gedanken sich 
aufdrängt. Allein gerade in dieser Beschränkung verlaliirt sich die Kunst 
und feiert ihren höchsten Triumph. Denn indem sie dem Einzelzwecke 
vollauf genügt, weiss sie mit so bedeutendem Ueberschuss ihres geistigen   
Gestaltungsvermögens an das YVerk heranzugehen, dass sie aus der gege- 
benen eine neue, eigcnthümliche Aufgabe entwickelt, sich eine neue, höhere 
Forderung selber stellt, welcher gegenüber das Verlangen praktischer Nütz- 
lichkeit, das nebenbei auch seine Rechnung findet, unendlich untergeordnet 
erscheint. Käme es auf die Befriedigung des blosscn Bedürfnisses an, mit 
wie geringen Mitteln hätte sich eine umschliessendc Cella für das Götterbild, 
ein Versammlungsranm für die Ohristengemeinde errichten lassen! Der 
hcllenische Tempel, der gothische Dom ragen so weit über diese Zwecke 
hinaus, dass dieselben nur noch als ein zu Grunde liegendes Motiv 
in Betracht kommen, bei dessen Behandlung die Kunst so sehr ihre eigenen 
Wege gewandelt, ihrem eigenen Ziele gefolgt ist, dass ihre Schöpfung keinen 
anderen Zweck zu haben scheint, als der in ihrem eigensten Wesen ein- 
geschlossen liegt: den der Schönheit. 
Haben wir die Entstehung des Tempels als die Geburtsstunde der Herrsvher- 
Baukunst bezeichnet, S0 Wird in der 111111 fOlgendcn geschichtlichen Be- Palast. 
traehtung bei gewissen Völkern das gleichzeitige ebenso kunstbedcutsame 
Auftreten des Herrscherpalastes vielleicht diesen Satz zu widerlegen schei- 
ncn. Doch werden wir finden, dass in solchen Fällen der königliche Palast 
nur als eine andere Form für den Tempel anzusehen ist, wie denn bei jenen 
Nationen in der Stellung der königlichen Person selbst als obersten Priesters   
oder gar als sichtbarer Verkörperung des Gottes jenes Verhältniss begrün-  
det liegt. 
Nur als eine geringe Nebenquelle, abgeleitet von jenem mächtigen Prizätimäßhi- 
Hauptstrome, können wir die Privat-Architektur ansehen. Erst in den 
Epochen , wo einer rasch erschlossenen Kunstblüthe die üppige Entfaltung 
T198 Luxus folgt, entlehnt der Privatbau, in früheren Zeiten schlicht und
        

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