Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682545
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Fünftes Buch. 
 lerischen Neugestaltung sich vollziehen konnte. Wie gross auch Karl's 
Verdienste um Begründimg feines neuen Culturlebens waren , in staatlicher 
Hinsicht konnte er sich doch" nicht von der_Idee eines zu begründenden 
Weltreiches lossreissen , welches inach dem Muster der alten Cäsarenherr- 
Schaft die Eigenthümlichkeiten derNationen zu Gunsten einer centralisirten 
ierStörl1_hg_ Einheit verwischt haben würde. Da wares der F reiheitssinn der germani- 
iääaääifgä: schen Völker, der die kaum geschlossenen Bande bald nach des grossen 
Kaisers Tode trennte und der abendländischen Menschheit das Recht und 
die Möglichkeit individueller Entwicklungiwiedergab. Der Zerfall des Karo- 
lingischen Reiches, die Scheidung in nationale Gruppen bezeichnet den 
 Beginn des merkwürdigen Entwicklungsprozesses , den wir als den speciell 
mittelalterlichen aufzufassen haben.  
Neue Völker- Hier springt nun zunächst ein entscheidender Gegensatz gegen die 
gmppe" bisher betrachteten Culturepochen in's Auge. Nur der Mohamedanismus 
bot eine gewisse Verwandtschaft,  jedoch auf einer weit niedrigeren, weil 
unfreieren Stufe. Wir sehen nämlich eine Anzahl von Völkergruppen sich 
neben einander entfalten, unterschieden durch Abstammung, Sprache und 
nationales Bewusstsein , vielfach iri Gegensätze und Conflicte mit einander 
gerathend, dennoch an gemeinsamer Aufgabe wie auf ein im Stillen gege- 
benes, allgemein anerkanntes Losungswort mit den edelsten Kräften arbei- 
tend. Diese Aufgabe selbst war aber von Allem, was vordem erstrebt wurde, 
nicht minder unterschieden.  
verschiedene Es war zum Theil ein Element innerer Wahlverwandtschaft, zum 
Elemenm Theil das Uebergewicht einer höheren Cultur, vermöge dessen die germa- 
nische Welt den Lehren des Christenthums sich fügte. Gleichwohl war 
der Prozess der Umwandlung, der Verschmelzung des naturwüchsig natio- 
nalen Wesens mit den aufgedrungenen Lebensanschauungen ein so langsam 
 fortschreitender, dass er streng genommen niemals zum völligen Abschluss 
kam, sondern der ganzen mittelalterlichen Epoche mit den Zügen bestän- 
 digen inneren Kampfes und Ringens an- der Stirn geschrieben steht. In 
allen Erscheinungen zeigt das Leben jener Zeit das Bild gewaltiger Gegen- 
 sätze, die, während sie einanderabstossen, sich doch zugleich auf's Innigste 
zu verbinden streben. In diesem ewigen Suchen und Fliehen liegt der letzte 
Grund der Tiefe und Reichhaltigkeit ihres Entwicklungsganges, liegt zu- 
gleich das Interesse, welches uns an diese merkwürdige Epoche stets von 
Neuem fesselt. Während wir es bei den Gestaltungen der antiken Welt 
mit" einem in schönem Selbstgenügen ruhenden Sein zu thQm hatten , weht 
uns hier der Athemzug eines ewig wechselvollen, rastlos nach Entwicklung 
ringenden Werdens an.  
DasChristen- Bei den alten Völkern war die Religion ein naturgemässes Ergebniss, 
th"m' gleichsam die feinste Blüthe des heimischen Bodens. Sie stand in vollem 
,Einklang mit der gesammten äusseren Existenz, wie mit dem inneren 
geistigen Leben. Daher in allen Erscheinungen der antiken Welt jene har- 
monische Ruhe, jene klare Geschlossenheit, die uns anblickt mit dem 
 Lächeln seliger Kindheit. Ganz anders im Mittelalter. Die nationalen 
Götter, verdrängt durch'den Gott des Christenthums, führen fortan nur 
Gegensatz als Gespenster und böse Geister ein spukhaftes Dasein. Das Christenthum 
gigijfuffe  aber tritt sofort mit allen seinen Forderungen feindlich gegen die Natur des 
Menschen auf. Es erklärt dieselbe für sündhaft, verlangt eine geistige
        

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