Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1680111
Einleitung. 
zunächst des höchsten: eine Stelle für die Gottesverehrung zu schaffen  
das Werk der Menschenhand auch noch einen idealen Gehalt birgt, wo es 
das Schöne zur Erscheinung bringt. 
Dies Schöne, Welches die Seele der Architektur ausmacht, unterschei- 
det sich aber wesentlich von dem Schönen, welches wir als Inhalt und Ziel 
der beiden anderen bildenden Künste, der Sculptur und Malerei, erkennen. 
Während diese nämlich das Schöne des organischen Lebens durch 
den Stoff der unorganischen Natur darzustellen haben, geht die Architektur 
auf die Idealisirung des unorganischen Stoffes selbst aus. Wie 
nun in allem Dasein eingcborene Gesetze walten, die freilich im organischen 
Leben, in der Pflanze, im Thiere, im Menschen, zu viel feineren, compli- 
cirteren Formen sich entfalten, so finden sich auch im Reiche des Unorga- 
nisehen "bestimmte Gesetze vor.  sind die Gesetze der Schwere und des 
inneren Zusammenhaltes. Diesen Grundbedingungen muss der Geist, der 
aus dem unorganischen Stoffe das Schöne hervor-bilden will, sich fügen. 
Aber sie sind nur die leitenden Kräfte, niemals Zi_el oder selbst Gegenstand 
der Darstellung; und indem der Mensch, auf sie gestützt, dem unorgani- 
schen Stoffe das Gepräge seines Geistes aufdrückt, erhebt er ihn zur Ein- 
heit eines organischen Ganzen und bringt jene Gesetze zur klareren, 
schärferen Erscheinung, welche in der Natur vom bunten Teppich des 
Lebens verhüllt sind. 
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Dadurch treten die Werke der Architektur den Gebilden des Reiches.  
dem sie entstammen, der unorganischen Welt, entschiedener als etwas 
Fremdes, Neues gegenüber, während die bildenden Künste nicht so weit 
von den natürlichen Vorbildern ihrer 'l'hätiglzeit sich entfernen. Fline Statue, 
ein Portrait, eine Landschaft scheinen lediglich ihr Urbild nachzuahmen, 
wcsshalb eine oberflächliche Betrachtung jene beiden Künste fälschlich als 
imachahmendea bezeichnet hat. Ein Haus, eine Tempelhalle, ein Thurm 
findet dagegen im Reiche der unorganischen Natur , wo Alles ordnungslos 
zu liegen scheint, keine SOIChC Anabgie. Daher erlangen die architektoni- 
schen Schöpfungen eine in jeder Hinsieht besondere , eindrucksvolle Stel- 
lung. Zunächst bieten Sie Sich dem Bcschauer wie eine Welt für sich dar, 
die ihre Bildungsgesetze nur in sich selbst trage, sie nirgend anderswoher 
entlehncnd. Wir wissen, dass dem nicht so ist; dass in der Architektur. 
die Gesetze, die in der unorganischen Natur verborgen liegen, nur zum 
bestimmtcren Ausdruck kommen. Diese Gebundenheit an die statischen 
G e s e tz e , denen die Baukunst sich nicht zu entziehen vermag , verleiht 
ihren Schöpfungen den Charakter der Ordnung und Gcsctzimiissigkeit, den 
keinerlei XVillkür so leicht verwirren und trüben kann. Denn bei der Unab- 
vr der 
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