Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682253
Zweites Kapitel. 
Styl der mohamedanischen Baukunst. 
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Grundplan keinerlei höhere Durchbildung.  Etwas anders verhält es sich 
mit der zweiten Grundform, welche sich offenbar, zumal da sie in 
den östlicheren Gegenden des Islam überwiegt, an byzantinische Vorbilder 
anlehnt. Hier ist die Masse des Gebäudes stets als ein wirklich organi- 
scher Körper behandelt, dessen Haupttheil durch eine Kuppelbedeckung 
bedeutsam hervorgehoben wird. Die Nebenräume, von denen sich die vor- 
züglich betonten bisweilen in einer dem griechischen Kreuz verwandten 
Anlage gestalten, pflegen ebenfalls gewölbt zu sein, und selbst der auch 
hier nicht fehlende Vorhof mit seinen Portiken zeigt eine aus kleinen Kup- 
peln gebildete Ueberdeckimg. Auch hier werden mehrere, oft vier, ja 
sechs Minarets dem Aeusseren als besondere Zierde hinzugefügt. Aber auch 
bei dieser Grundform kommt es nicht zu einer consequenten, organischen 
Ausbildung, und das Gewirre der mancherlei verschiedenartigen Räum- 
lichkeiten erinnert meistens an die regellose Anlage indischer Grotten- 
tempel. 
So wenig wie die Grundanlage, bietet die Construction dieser Consmwtisv- 
Gebäude einen Fortschritt dar. Sie bleiben in dieser Hinsicht auf dem 
Standpunkte der altchristlichen Basiliken mit ihren flachen Holzdecken und 
der byzantinischen Kunst mit ihren Kuppelwölbungen stehen , nur dass sie 
in der Form der Kuppeln mancherlei neue wunderliche Abartungen,  Kuppel"- 
Spiele einer ruhelosen, müssig schweifenden Phantasie, einführen. So 
lieben sie namentlich eine gewisse bauchige. Anschwellung der Kuppel- 
wölbung, die sodann mit einer einwärts gekrümmten und am Ende wieder 
hinaufgeschweiften Linie, ganz in der Form dicker Zwiebeln, sich ab-  
schliesst. Ohne Zweifel beruhen diese schwülstigen, für das Aeussere 
orientalischwnohamedänischer Bauten so charakteristischen Formen auf 
einer Einwirkung jenes schon im indischen Pagodenbau zur Erscheinung 
gekommenen asiatischen Bausinnes.  
XVährend diese wunderlich phantastischen Gestaltungen dem Aeusse- Stalaktitvn- 
ren angehören, tritt im Inneren bei der Ueberwölbung der Räume eine gwolbß 
nicht minder seltsame und überraschende Bildung auf. Dort werden näm- 
lich die Wölbungen mit Vorliebe so ausgeführt, dass lauter kleine, aus 
Gips geformte"Kuppelstückchen, mit vortretenden Ecken, an einander 
gefügt sind und nach Art der Bienenzellen ein Ganzes ausmachen, welches, 
von oben mit seinen vielen vorspringenden Ecken und Spitzen herabhän-  
gend, diesen Wölbungen den Anschein von lropfsteinbildungen gibt. 
Solche Stalaktitengewölbe, wie sie treffend genannt worden sind, 
finden sich nicht allein in Form von Zwickeln, um den Ucbergang von den  
senkrechten Wänden zu der Bedeckung zu vermitteln, sondern ganze Kup- 
pelwölbungen sind in dieser Weise ausgeführt. Diese der CQnSn-uction 
wie dem Material nach höchst unsoliden Gewölbe, die durch prachtvolle 
Bemalung und Vergoldung geziert Wurden, sind recht eigentlich der Aus- 
druck für die Willkür, die bei diesem Styl das Grundgesetz der Archi- 
tektur auszumachen scheint. Denn gewiss zeugt es von dem spielend- 
phantastischen 51311161 der ieden Stlfllgen organischen Zusammenhang auf- 
zulösen strebt, Wenn gerade da, WO jede andere Bauweise sich zu einer 
möglichst festen, zuverlässigen Construction zu erheben sucht, eine unso- 
lide, aber glänzende 'l'ändelei jeden Ernst vernichtet (vgl. Fig. 140i-
        

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