Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682133
Viertes Kapitel. 
Altchristliche Baukunst. bei den Germanen. 
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Altarnische an (auf unserer Abbildung durch hellere Schrafürung bemerk- 
bar), die später durch einen hohen gothischen Chor verdrängt wurde. 
Gegenüber lag dagegen eine Vorhalle, die mit dem kaiserlichen Palast in  
Verbindung stand.   
Von einer freien, selbstthätigen künstlerischen Durchbildung sind hier Künstleri- 
noch keine Spuren. DieSäulen waren sammt den Kapitälen grösstentheils 5025,13?" 
antiken Gebäuden entlehnt , oder ohne feineres Verständniss denselben 
nachgeahmt. Die Schäfte waren, wie in den alten Basiliken Roms, von ver- 
schiedener Länge, welche man nach Möglichkeit durch höhere oder niedri- 
gere Basen auszugleichen bemüht war. Ihre Pracht beruhte daher nur auf 
ihrem kostbaren Material, und man siehtldarin eben deutlich, dass bei dem 
"Glanze", welcher hier angestrebt wurde, ein. feineres ästhetisches Gefühl 
noch keineswegs leitend war. Das Innere war mit Mosaiken ausgeschmückt, 
und von der hohen Kuppelwölbung leuchteten auf Goldgrund die Gestalten 
Christi und der 24 Aeltesten der Apokalypse. Die Oeffnung der oberen 
Galerie hatte bronzene Balustraden von zierlich durchbrochener Arbeit. 
Diese , so wie die drei bronzenen Flügeltbüren des Hauptportales und der 
beiden Seiteneingänge, sind noch erhalten. In der Mitte des Achtecks lag 
eine unterirdische Gruft, in welcher auf weissem Marmorsessel, Scepter 
und Reichsapfel in den- Händen, der grosse Kaiser sass. 
Aus derselben Zeit stammt ohne Zweifel auch dieoriginelle Vorhalle Vorhalle zu 
zu L orsch l) , eine zweistöckige Anlage, unten mit offenen Arkaden zwi- Lomh" 
sehen vorgelegten korinthisirenden Wandsäulen, oben mit Fenstern und 
einer ionisirenden Pilasterstellung, die ganzen Flächen mit rothem und weis- 
sem Marmor mosaikartig incrustirt. Möglich, dass Eginbard, der gelehrte 
Freund Karl's des Grossen, wie Kugler vermuthet hat, Urheber und Ver- 
anlasser des Baues war, dessen erstrebte Classicität damit wohl ihre Er- 
klärung fände. ' 
In den übrigen Kirchenbauten der Karolingischen Zeit hielt man sich 13asi1ikeu_ 
an die Basilikenanlage, die besonders für die klösterlichen Gotteshäuser   
und an diesen entwickelte sich Zunächst ausschliesslich der Styl der Archi- 
tekturl  am passendsten erschien. Glücklicher Weise hat sich aus jenen 
Tagen ein Grundriss erhalten, welcher für den Neubau der Abteikirche Kirche zu 
zu S, Gallen?) von einem Baumeister amHofe Ludwigs des Frommen um Sßauem 
 das J. 820 entworfen wurde und noch auf der dortigen Bibliothek auf- 
bewahrt wird. Hier zeigt sich die Forrn der iiachgedeckten, dreischifiigen 
Basilika mit Säulenarkaden. Aber sie tritt bereits mit wesentlichen Zusätzen 
und Veränderungen auf. Als die wichtigste unter diesen erscheint es, dass  
am Westende der Kirche, der östlichen Hauptapsis gegenüber, eine zweite 
halbkreisförmige Nische angeordnet ist. Man erklärt diese Einrichtung aus 
dem ritualen Gebrauche, nach Welchem der Chor der Mönche sich beim 
Gottesdienste, des alternirenden Chorgesanges wegen, in" die beiden Tri- 
bünen vertheilte. Sodann ist die östliche Apsis durch eine Verlängerung 
des Mittelraumes und Anfügllng eines QuerschiHes als vollständiger Chor  
entwickelt, unter dessen erhöhtem Boden die Krypta liegt. Endlich stehen 
zu den Seiten der westlichen Nische zwei runde Thürme , jedoch in losem 
Zusammenhange mit dem Baue.  
1) G. Moller: Denkmäler der deutschen Baukunst. Darmstadt 1321. l. Bd.  
 facsimile herausgegeben von F. Keller: Bauriss des Klosters von St. Gallen vom Jahre 820.
        

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