Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1682087
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Drittes Buch. 
altchristlichen Bildung hervorgegangen , unter verschiedenen äusseren und 
inneren Einflüssen sich sehr verschieden, fast entgegengesetzt entwickelt 
haben, und dennoch nur in ihrer Vereinigung unter einem gemeinsamen 
Punkte der Betrachtung den Geist jener Epoche in seiner ganzen Tiefe und 
Vielseitigkeit spiegeln. Steht der byzantinische Centralbau an Originalität 
der Conception und der Durchbildung, an technischem imd constructivem 
Neugehalt, an Pracht der Ausstattung dem Basilikenbau unbedenklich 
voran, so hat doch jener wieder den unübertrefflichen Vorzug, das ein- 
fachste, anspruchloseste und zugleich dem praktischen Zweck wie der 
geistigen Bedeutung am nächsten kommende Princip gefunden zu haben. 
Trotz allen Aufwandes an Mitteln und Einsicht brachte der Centralbau 
mit grosser Mühe nur eine _gequä1te, cornplicirteund unklare Grundform" 
zu Stande, in welcher er, gleichsam mit Erschöpfung seiner ganzen Er- 
findungsgabe, unrettbar erstarrte. Die Basilika dagegen gab in jener 
schlichten Gestalt des mehrschiffigen, auf den Altarraum hinführenden Lang- 
hauses dem frischen, schöpferischen Geiste der germanischen Völker eine 
jener Grundformen, welche eben wegen ihrer unbewussten Simplicität den 
Keim reichster Entfaltung in sich tragen. Desshalb nahm die Architektur 
des Mittelalters in der Folge von den Byzantinern zwar wohl die treffliche 
Technik, die neuen Bereicherungen der Construction und in der Durch- 
führung einige Einzelformen auf : aber das Gerüst, aus welchem sie ihre 
hehren, herrlichen Schöpfungen, wie aus dem Embryo einen lebenskräftigen 
Organismus, entwickelte, war die Basilika. 
VIERTES 
KAPITEL. 
Die 
den Germanen. 
Baukunst bei 
altchristliche 
Die germani- A18 nach den Stürmen der Völkerwanderung die germanischen Stämme 
Sehen Völker- in ihren neuen Wohnsitzen sich befestigten , fanden sie sich als culturlose, 
naturwüchsige Barbaren in Umgebungen, welche trotz aller Verheerungen 
mit mächtigen Zeugnissen antik-römischer Cultur und den ersten Leistun- 
gen altchristlicher Kunst angefüllt waren. Da sie in ihren Wäldern nur 
einen rohen Bedürfnissbau geübt hatten, so brachten sie kein neues archi- 
tektonisches Element, -W0h1 aber jugendliche Empfänglichkeit und voll- 
kräftige Naturfrische mit. Sie verhielten sich daher den vorhandenen 
Schöpfungen gegenüber naiv aufnehmend und nachahmend. Aber gerade 
aus diesem jungfräulichen Boden des germanischen Volksgeistes sollte die 
Saat antiker Ueberlieferungen zu neuer, nie geahnter Herrlichkeit aufkei- 
men. Werden wir diesem Entwicklungsprozess in seinen einzelnen Stadien 
später zu verfolgen haben, so können wir hier einstweilen nur von den
        

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