Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681806
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Drittes Buch. 
parallel entstandene Islam hier zur Betrachtung kommen müssen, da er in 
verwandter Richtung an die Stelle des Alten, Hingesunkenen trat. Allein 
in der Culturentfaltung überhaupt, wie besonders in der Kunst, nimmt er 
doch nur eine untergeordnete Stellung ein, da er zu sehr in die phantasti- 
sche Unklarheit des Orients aufging, um dem Geistesleben seine höchsten 
Blüthen entlocken zu können. Die Cultur wandelt stetigen Schrittes von 
Osten nach Westen , und so sind es jetzt die Völker des Abendlandes und 
das durch sie aufgenommene Christenthum, welche fortan die Träger der 
Entwicklung werden.  
Neue Rich- Aber ganz unmerklich und allmählich wand sich dieser neue Geist aus 
m"? dem Schoosse des alten hervor. Im tieferen Geistesleben der Völker gibt 
es keine schroffen Sprünge wie in unseren Geschichtsbüchern, wo ein 
Abschnitt zwei Culturepochen miteinem Federstriche sondert. In allem 
inneren Leben ist ein ununterbrochener Zusammenhang wie im Reiche 
vegetativer Natur. Da keimen auch schon, während die alten Halme welken, 
still und verborgen die neuen Triebe hervor, und ehe noch jene sich ganz 
aufgelöst haben, überrascht uns bereits ein junges grünendes Leben. Dies 
allmähliche Wachsthum tritt in der Geschichte vielleicht nirgends klarer 
hervor, als gerade in dieser bedeutungsschweren Epoche. Wie die junge 
WVelt sich schon mitten im Verfall der alten bemerken liess, so belauschten 
wir auch in der Architektur berei-ts die Elemente, welche zukunftverkündend 
auf eine neue Entwicklung hinwiesen. 
Yerläilrrniss Darum lässt sich auch für die Architektur eben so wenig wie für das 
Architeknu, Leben überhaupt hier ein scharfer Abschnitt machen, der in einem äusser- 
 liehen Factum seinen Markstein hätte. Weder Constantins Erhebung des 
Christenthums zur Staatsreligion, noch die Trennung des weströmischen 
und oströmischen Reiches. noch endlich der Untergang des ersteren bildet 
einen solchen Wendepunkt. Vielmehr bedarf der neue Geist, bedarf das 
Christenthum noch immer der alten heidnischen Formen, und diese Ueber- 
gangsstellung behält die Architektur während dieses ganzen Zeitraumes. 
Denn sie ist jetzt nicht mehr Aufgabe eines Volkes, sondern 
der ganzen Menschheit. Eine durchgreifende Neugestaltung konnte 
sie erst erfahren, nachdem die Stürme der Völkerwanderung einerseits die 
zu. mächtig imponirenden Zeugnisse antik-römischen Lebens zum grossen 
Theil zerstört, andrerseits frische Oulturvölker auf den Vordergrund der 
Weltbühne geworfen hatten, die dem neuen Inhalt die neue Form zu 
schaffen vermochten. Gleichwohl erfuhr schon in der ersten Epoche die 
Architektur manche Umgestaltungen, die ihr inneres Wesen scharf berühr- 
ten und für die Folgezeit zu wichtigen Momenten der Entwicklung wurden. 
XVie diese Kunstthätigkeit sich in zwei verschiedenen Richtungen entfaltete, 
deren Mittelpunkte Rom und die neugeschaffene Hauptstadt des oströmi- 
scheu Reiches, Constantixiopel, bilden, ist im Folgenden näher zu erörtern.
        

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