Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681795
ERSTES 
KAPITEL. 
Charakter 
der 
altchristlichen 
Zeit. 
Der Fall der antiken Welt hat Nichts mit dem Untergange eines einzelnen VOYfZIll des 
Volkes zu schaffen. Er bedeutet nicht den Sturz eines politischen Systems, Röme"h"ms' 
sondern einer ganzen Weltanschauung. Daher ist er auch nicht aus ausse- 
ren, selbst nicht aus vereinzelten inneren Gründen zu erklären. Das antike 
Leben hatte seinen Kreislauf erfüllt, hatte auf allen Gebieten des Daseins 
seine Gestaltungskraft in umfassendster Weise geübt, hatte sein Wesen 
erschöpfend ausgesprochen. Daher musste es absterben, daher mussten alle 
Versuche, es noch einmal von Innen heraus zu beleben, fruchtlos bleiben. 
Der alte Glaube , die alte Sitte war nur noch zum Schein vorhanden , und 
ihre völlige Auflockerung durchbrach selbst die äussere Hülle. In dem 
dadurch erzeugten Zustande tiefster Nichtbefriedigung, der jener antiken 
heitem Selbstgenügsamkeit schroff entgegengesetzt war, griff man nach den 
Formen und Gebräuchen aller fremden, namentlich asiatischer Religionen, 
um die Leere des eigenen Bewusstseins damit auszufüllen. Aber es blieb 
ein äusserliches Wesen, und in die Zweifelsucht, die Alles benagte, mischte 
sich in unerquicklicher Art ein neuer phantastischer Aberglaube. 
Wie jene innere Auflösung auf dem Gebiet architektonischen Schaffens Einwirkung 
zu Tage trat, haben wir schon oben erfahren. Besonders war auch hier die des Odenm 
Einwirkung orientalisch-üppiger Formen von entscheidender Bedeutung, 
und wie die römische Sitte nicht kräftig genug mehr war, fremden stören- 
den Einflüssen sich zu verschliessell, S0 konnte auch die Architektur der 
Umstrickung weichlich ausschweifender Elemente sich nicht erwehren" Die 
glanzvollen Römerbauten des Orients , namentlich jene oben erwähnten zu 
Balbek und Palmyra, liefern dafür zahlreiche Belege. 
Ein so zermürbter Bau Wie der der antiken Welt, der bis in die tief. Christenthum 
sten Grundvesten erschüttert war, vermochte eine neue Entwicklung nicht und man" 
mehr zu tragen. Das Leben bedurfte eines neuen Fundaments, einer neuen 
Anschauung, wenn es zu einem neuen daseinkräftigen Gebäude sich er- 
heben sollte. Eine solche konnte nur in einer neuen Religion gefunden 
werden, und daher trat das Christenthum ausfüllend in die ungeheure 
Lücke des Bewusstseins ein. Allerdings wird auch der mit demselben
        

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