Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681755
Drittes Kapitel. 
Römische Baukunst. 
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Gesetzen desselben ihr angestammtes Amt in schöner Freiheit verwalteten.  
Bei den Römern scheinen sie erbeutete Sclavinnen, edelgeborne zwar, die 
aber durch den gezwungenen Dienst im fremden Hause, dessen Gesetze 
nicht die ihrigen, eine Trübung ihrer ursprünglichen Anmuth und Heiter- 
keit erfahren haben. 
Durch diesen unorganischen Charakter büsste die römische Architektur hialßlischer 
die Strenge naturgemässer Gesetzlichkeit ein. Ihre Formen _und Glieder Charakter" 
sind nicht mehr die freien Blüthen einer schönen Nothwendigkeit, sondern 
die Ergebnisse verständiger Berechnung. In dieser Hinsicht wurde schon 
bemerkt, dass die römischen Gebäude einen mehr malerischen Charak- 
ter tragen. Das Malerische in der Architektur beruht aber eben nicht auf  
dem Hervorwachsen der Formen aus dem Wesen der Construction , nicht 
auf dem Gesetze, dass die Glieder durch ihre Bildungsweise ihre structive 
Bedeutung kundgeben sollen, sondern auf dem rein äusserlichen Elemente 
der Gruppirung, eines solchen Wechsels der Formen, der möglichst reiche 
und mannichfaltige Gegensätze von Schatten und Licht begünstigt. Dies 
war für die Architektur ein neuer Gesichtspunkt , der denn auch die Ko- 
lossalrnassen römischer Gebäude in einer dem Auge erfreulichen Weise be- 
lebte, ohne die Grossartigkeit des Totaleindrucks zu schwächen. 
Vergleicht man von hier aus diese Baukunst mit der ihrem Wesen am Durchbil- 
nächsten verwandten der Aegypter, so springt der hohe Vorzug der römi-  
sehen, der eben in der Beherrschung der Massen, in ihrer ver- 
ständigklaren Gliederung beruht, sogleich in die Augen. Dort war 
der Geist von der Materie unterjocht und vermochte ihr nur eine bunt 
schimmernde Farbenhülle überzuwerfen; hier durchdringt er den Stoff und 
zeigt ihn überall durchweht von seinem Walten. Dadurch nahm die römi- 
sche Architektur den Charakter grösserer Selbständigkeit an, und wie un- 
abhängig sie vom Boden war, erkennen wir schon darin, dass sie ihre Allgemeine 
künstlerischen Formen von den Griechen entlehnte. Daher mussten wir auf Ve'b'eim"g' 
den voraufgegangenen Stufen der Betrachtung die Architektur im Zusam- 
menhänge mit dem Charakter des jedesmaligen Landes auffassen, als dessen 
höchste, vergeistigte Blüthe sie erschien. Hier, wo ein verständiger Eklek- 
ticismus sie hervorrief, ist sie nicht mehr ein Product des Bodens, sondern 
des wählenden Geistes. Allerdings verlor sie dadurch an jener Wärme, 
welche durch das besondere nationale und religiöse Bewusstsein erzeugt 
wird; aber dafür schwang sie sich zur Weltherrschaft empor. Wohin die 
Römer drangen, dahin verpiianzten sie auch ihre Architektur; in allen 
Provinzen des Reichs, vom Rhein bis zu den Katarakten des Nil, von den 
Säulen des Herkules bis zu den Ufern des Euphrat, erhoben sich Pracht- 
volle Städte mit Forum, KaPiiSOl, Bßßiliken , Tempeln und Palästen , und 
die römischen Adler trugen dle gTieChiSchen Formen über den ganzen be- 
kannten Kreis der Erde. Vergleicht man dieses Verhältniss mit der strengen 
Abgeschlossenheit, in Welcher V0rher jedes Volk seine eigne Kunst für sich 
ausbildete, so erkennt man sogleich, dass ein solcher Umschwung nicht 
möglich gewesen wäre, Wenn Ilißht in jenen Formen das damalige Bewusst- 
sein den allgemeingültigen Ausdruck gefunden hätte, 
In diesem Verhältniss liegt die tiefe Bedeutung der römischen Archi- Resultat. 
tektur für die Entwicklung der ganzen Kunst begründet. Nur ein prak-
        

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