Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681744
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Buch. 
Zweites 
und verbinden es mit der Wand, die auch ihrerseits oft durch derartige 
spielende Darstellungen eingerahmt erscheint. Den unteren Theil der Wand 
bildet ein meistens dunkel gefärbter Fuss. Die Bilder sind gewöhnlich 
klein , wie denn die Gemächer selbst nur geringe Dimensionen haben. Die 
Gemälde wurden entweder auf den nassen oder trocknen Bewurf, oder auch 
enkaustisch auf einen WVachsgrund ausgeführt. 
Aesthetisehe Würdigung und geschichtliche Bedeutung 
der römischen Architektur. 
Praktische 
Richtung. 
zwiespältig- 
keit. 
Von jener idealen Höhe, welche die griechische Kunst einnahm, 
mussten wir bei Betrachtung der römischen Architektur herabsteigen. Die 
griechische Baukunst führte uns aus den Bedürfnissen und Schranken des 
alltäglichen Lebens heraus; sie weilte nur in den freien, heiteren Gebieten, 
wo die ewigen Götter thronten. Daraus erwuchs ihr selbst jener Zauber 
freudiger Klarheit, hoher Selbstgenügsamkeit, der alle ihre Gebilde um- 
spielt. Die römische vermochte eine ähnliche Höhe nicht zu halten; sie 
verliess jene ideale Stellung, um sich gerade unter die Bedingungen und 
Anforderungen des praktischen Lebens zu begeben. Hierin lag ihre Be- 
schränkung, aber auch ihr Vorzug. Sie versperrte sich keinem Bedürfniss 
des Daseins, so gewöhnlich und alltäglich es sein mochte, und ohne das 
vergebliche Streben, auf diesem Gebiete in sich Vollendetes, organisch 
Durchgebildetes zu schaffen , lieh sie gleichwohl allen ihren YVerken einen 
Abglanz griechischer Schönheit, der veredelnd das Erzeugniss gemeiner 
Nützlichkeit in die Sphäre künstlerischen Daseins erhob. Ohne jene geniale 
Schöpferkraft, die allein das Höchste hervorzubringen fähig ist, wussten 
die Römer in ihrem vorwiegend verständigen Sinne zwar keine eigent- 
lich neuen Formen zu schaffen, aber indem sie die alten 
Formen in neuer Weise verbanden, erzeugten sie ein neues 
System der Architektur, das in grossartigster YVeise sich auf jede 
Gattung von Gebäuden anwenden liess. In dieser Anwendung sind sie 
gross, vielleicht unübertroffen. 
 Allerdings kam dadurch eine gewisse Zwiespältigkeit in ihre Schöpfun- 
gen, die dem streng architektonischen Gesetze organischer Entfaltung wider- 
strebt. Die praktischen Bedürfnisse, mächtiger als der ästhetische Sinn, 
zwangen letzteren zu mancherlei Concessionen, und die mehr combinirende 
Art jener Architektur begnügte sich mit einer äusserlichen Zusammen- 
fügung, da innere Entwicklung, völlige Verschmelzung der Elemente aus- 
serhalb des Horizonts ihrer Fähigkeit lag. Solche Zwiespältigkeit lässt sich 
selbst in der Form des römischen Kapitals nachweisen, besonders aber in der 
Verbindung des Säulenbaues mit dem Gewölbebau, die man mit einer aus 
Rücksichten äusserer Zweckmässigkeit geschlossenen Convenienz-Heirath 
vergleichen möchte. Kein Wunder daher, dass in der römischen Architektur 
eine gewisse nüchterne Kälte der Empfindung sich bemerklich macht, wie 
sie solchen Verbindungen anhaftet. Wir sahen auch, wie dies Verhältniss 
auf die Behandlung der Säulen selbst zurückwirkte. Bei den Griechen 
waren sie die Töchter des Hauses, die im innigsten Einklange mit den
        

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