Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681416
Drittes Kapitel. 
Römische Baukunst. 
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Zwecke, praktischer Rücksichten auf. Wie hätte ihnen die Kunst unter 
einem anderen Gesichtspunkte erscheinen sollen? 
Das Ideal der Römer war ein ganz anderes: es war die Ausbildung Dießtaßts- 
des Staates. Der Orient hatte alle individuelle Freiheit in der monotonen mm 
Einheit des Despotismus erstarren lassen. Das Griechenthum hatte dagegen 
die Ausbildung einer grossen geschlossenen Staatseinheit der Entwicklung 
individuellen Lebens hintangesetzt, so dass seine einzelnen kleinen Staaten 
als Einzelwesen verschiedenster Art und Richtung einander gegenüber 
traten. Bei den Römern erst wird vermöge der geistigen Verwandtschaft, 
in der sie zu den Griechen stehen, neben der grossartigen Ausprägung der_ 
Staatsidee doch auch die Entwicklung persönlicher Selbständigkeit ange- 
strebt. Diese zwiefache Tendenz hat sich in machtvoll consequenter Weise 
in ihrem höchst ausgebildeten Staats- und Privat-Rechte krystallisirt, einer 
Schöpfung, die für die Bestimmungen des praktischen Lebens dasselbe 
geworden ist, was die griechische Kunst für die Sphären idealen Schaffens: 
die noch heute gültige Grundlage.  
Allerdings waren die Römer noch nicht bestimmt, jene grosse Cultur- Entwicklung 
aufgabe ganz zu lösen; allein es war schon ein bedeutender Schritt gethan, lndivääun,s_ 
wenn das Recht individueller Entwicklung neben dem Streben nach Con- 
centration des Staats festgehalten wurde. War auch das Ideal einer durch- 
gebildeten Persönlichkeit bei ihnen ein minder hohes als bei den Griechen, 
War es auch mehr mit den praktischen Richtungen des Lebens verwachsen, 
so schloss es dafür ein Element ehrenfester Mannhaftigkeit in sich, welches 
in dieser ehernen, weltbezwingenden Gewalt den Griechen fern lag. Alle 
Tugenden des Römers hatten daher einen gewissen rauhen Grundton, der, 
Wenn auch mit verminderter Kraft, selbst durch die spätere Ueberfeinerung 
ihres Lebens noch hindurchklingt. 
Ein Volk von so vorwiegend praktischer, verständiger Richtung wird Kunstrich- 
unter den Künsten am meisten der Architektur sich zuwenden , in ihr Be- w"? 
deutenderes leisten, als in den Schwesterkünsten. Hat doch sie selbst eine 
Zwischenstellung, die den materiellen Zwecken des Lebens eine ideale Ver- 
körperung leiht; wurzelt sie doch mit dem Fusse im festen Boden der Erde, 
während sie ihr Haupt in den Aether taucht. Bei einem solchen Volke wird 
Sie daher nicht zu ihrer idealsten Gestalt gelangen; vielmehr wird hier jene 
andere Seite ihres Wesens, die praktische, den äusseren Zwecken des 
Lebens zugekehrte, stärker betont werden. So finden wir es in der That 
bei den Römern. 
System der römischen: Architektur. 
Bei den Etruskern wurden der S ä u l enb a u und der Ge w ölb eb au 
unabhängig von einander und ohne irgend eine höhere künstlerische Entwick- 
lung geübt. Der Grundzug der TömiSChen Architektur besteht nun darin, 
dass nicht allein der Säulenbau an sich in der von den Griechen überliefer- 
ten Ausbildung angenommen wird , sondern dass auch der den Etruskern 
entlehnte Gewölbebau in einer ungleich grossartigeren Weise zur Geltung 
kommt und behufs künstlerischer Gestaltung sich in selbständiger Art mit 
dem Säulenbau verbindet. 
Grund- 
charakter.
        

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