Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681312
Erstes Kapitel. 
Griechische Baukunst. 
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Zeit," als ihre schöpferisch-architektonische Kraft bereits erloschen war, 
gelegentlich rein decorativ auffassten und behandelten. Es ist damit die 
Grenze bezeichnet, welche ihrem baukünstlerischen Schaffen gesteckt war. 
"Werfen wir nun einen vergleichenden Rückblick auf den Entwick- Wrglcifhrn- 
lungsgang der Architektur, soweit wir denselben bis jetzt betrachteten, um deitiiißiiik- 
uns noch einmal klar vor Augen Zu stellen, welchen Höhenpunkt die Grie- 
chen darin bezeichnen. Zwei Völker aus der Reihe der bisher genannten  
dürfen wir, als baugeschichtlich minder bedeutend, gleich ausscheiden. Es 
sind die Perser und die Babylonier. Nicht ohne eine massenhafte und  
in's Kolossale gehende Architektur, haben doch beide keinen bedeutsamen 
Schritt in der Weiterentwicklung derselben gethan. Sie brachten es nur zu 
prachtvoll anfgethürmten, reich gruppirten, glänzend ausgeschmückten 
Werken, die gleichwohl die eonsequente Entwicklung eines constructiven 
Gedankens, mithin auch die Darlegung und künstlerische Ausprägung eines 
ästhetischen Princips vermissen lassen. Das wichtigste Merkmal baulicher 
Construction, die Ueberdeckung der Räume , fehlt bei ihnen oder ist doch 
im höheren Sinne bedeutungslos, da sie nichtüber die Holzeonstruction 
hinausging. Auch über die alten Völker Kleinasiens lässt sich aus den-  
selben Gründen nichts Günstigeres sagen. Wichtiger erscheinen die Inder 
und Aegypter. Beide haben einen grossartigenTempelbau geschaffen, 
beide den Steinbau mit iiacher Bedeckung der Räume in imponirender Weise 
zur Anwendung gebracht. Aber die einseitige Begabung beider Völker liess 
es nicht zu einer haxmonischen Durchbildung kommen. Die Einen taumeln  
in einer sinnverwirrenden Formensprache umher, in ungezügelter Willkür 
schweifend, die Andern vermögen sich aus einer gewissen nüchternen typi- 
schen Erstarrung nicht zu Schöpfungen lebendiger Freiheit zu erheben. "Die 
Bauwerke Beider sind Aggregate, lose Vereinigungen mannichfacher 'l'heile, 
zu denen sich immer neue Ansätze und Erweiterungen fügen liessen. Zu- 
gleich ist ihre architektonischeFormensprache eine unklar Stammelnde oder 
eine starr beschränkte , in äusserer Willkür dem Körper des Baues aufge- 
heftet, statt dass sie die naturgemässe, von Innen herausspriessende Blüthe 
derselben, der klare. Ausdruck des inneren Wesens, sein sollte; 
Erst der griechische 'l'empel steht, mit Beseitigung aller Willkür, als 
hoher , vollkommen abgeschlossener Organismus da. lSein eonstructiver 
Grundgedanke ist die  gerade Ueberdeckung mit Steinbalken , dasjenige 
Princip, welches bei-aller ihm anhaftenden Beschränkung den unbestreit- 
baren Vorzug der grössten Einfachheit , des völlig Naturgemässen für sich 
hat. Indem er dasselbe zu seinenerdenklich höchsten Ausbildung führt, 
prägt er allen seinen Formen bis 1n die kleinsten Profile denselben Cha- 
rakter schöner Einfachheit, Gesetzmässigkeit und Klarheit auf. Hier ist 
Nichts willkürlich hinzugethäll; Alles wächst wie von einer Naturkraft 
getrieben aus dem edlen Gliederbau hervor. So ruht er in heitrer Würde, in  
stiller Befriedigung, breit hingelagert, als die Krone der schönheitprangen- 
den Landschaft, die ihn umgibt. So erhebt er sich vor unserem Auge, in 
seliger, plastischer Geßehlessellheif, leuchtend und klar, mit siegreicher 
Hoheit, wie jene Göttergestalten des alten I-Iellas
        

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