Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681218
Erstes Kapitel. 
Griechische Baukunst. 
113 
Oeffnung in der Nordmauer führte. Südlich aber tritt ein kleiner Anbau C 
hervor, dessen Decke von sechs weiblichen Statuen, sogenannten Kary a- 
tiden, anstatt der Säulen, getragen wird. Sie stehen auf einer gemein- 
samen hohen Mauerbrüstung. Hier fand sich wahrscheinlich der heilige 
Oelbaum. In der Cella der Athene Polias führen an den Wänden Treppen- 
spuren in einen unterirdischen Raum, der vermuthlich die Gräber des 
Erechtheus und anderer attischer Hcroen umschloss. Die Bestimmung der 
einzelnen Räumlichkeiten nachzuweisen, ist seit langer Zeit Gegenstand 
archäologischer Debatten, an welchen sich namentlich Fr. Tlziersclz, O. B6!- 
lioller und T ätaz betheiligt haben. Die gänzliche Zerstörung der ehemaligen 
inneren Einrichtung, der Umstand, dass das alte Heiligthum nach einander 
als christliche Kirche, als türkischer Harem und als Pulvermagazin gedient 
hat, und vielen Umwandlungen und Verstümmelungen unterworfen war, 
die Dunkelheit der Nachrichten bei den alten Schriftstellern lassen geringe 
Aussicht auf eine Lösung der Räthscl dieses merkwürdigen Baues. Um- 
fasst man jedoch, abgesehen von diesen Dunkelheiten der inneren Einrich- 
tung, die ganze Anlage mit einem Blick, so wird man entzückt von der 
Harmonie der verschiedenartigen Theile, dem edlen Leben des Ganzen, der 
graziösen Entfaltung der Formen. Die nördliche Vorhalle, die niedriger 
liegt als der Hauptbau, wird vom reich geschmückten Dache desselben 
überragt, und die Karyatidenhalle, zu der man aus letzterem wieder mit 
mehreren Stufen aufsteigt, schmiegt sich in anmuthiger Bescheidenheit an 
seine südliche Seite. Der attisch-ionische Styl erscheint in diesem unver- 
gleichlichen Bau in seiner üppig reichsten Ausbildung, die fast schon über 
seinen eigentlichen Charakter leichter Zierlichkeit hinausgeht und in's 
Prunkende fällt. Die Verhältnisse sind leichter, schlanker, feiner als am 
Niketempel und Selbst als beim Tempel am Ilissus. Besonders zeigen die 
Säulen der nördlichen Halle die höchste Zierlichkeit. Beträgt die Säulenhöhe 
der östlichen Vorhalle noch 83k, Durch- 
Fig. 77. messer, so erhebt sie sich hier (vgl. Fig. 52) 
 v,  v auf S. S9) auf Qß; ist dort die Zwischen- 
 weite gleich 2 Durchmessern, so hat Sie 
(da: Ä hier 3 ; hat das Gebälk dort die Höhe von 
f,    l 21A, Durchmessern, so erreicht es hier kaum 
Q _ 2. Dazu kommt an allen Theilen des gan- 
x'  zen Baues ein Reichthum, eine Feinheit 
 der Ornamente, die nie wieder erreicht 
 ' 'i 'l' ' 1 Würden sind. Die Saulenbasen mit ihrer 
 ädlen attischen Form sind auf dem oberen 
  SZiilftijgeieHQZÜÄÄEÜÜÄTCIGBZÄHÄIZTÄIEE 
 der Kapitale mit ihren doppelten Säumen 
    Sllld VOIII graziösesten Schwung; am Echi- 
Von deiuNordhalle des Erechthcions. nus des Kapitals pulst das innerste Leben 
des sanft gebogenen Profils in den über- 
fallenden Bläflem, die ihn bedecken; und endlich spriesst das ganze Ka- 
pital aus einem Kranzc ZieYHCheY , leis ausgemeisselter Palmetten hervor, 
die sich in reichem Gewinde um den Hals der Säule schlingen. In ähn- 
lichem Reichthum und gleicher Schönheit sind die Kapitale der Anten und 
 b k e , Geschichte d. 
Architektur
        

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