Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681074
Erstes Kapitel. 
Griechische Baukunst. 
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an einem Anlass, der die einzelnen Staaten zu innigem Bündniss, zu ge- 
meinsamer Kraftbethätigung aufrief. Das waren die Perserkriege, in wel- 
chen die jungen Freistaaten die Anmassung eines barbarischen Despotismus 
siegreich zurückwiesen. Diese Kriege bilden den Mittelpunkt, von wo auf 
das ganze Leben der Griechen die Strahlen einer höheren Entwicklung sich 
ausbreiten. Eine ungemein rege Kunstthätigkeit spiegelt sofort diese gei- 
stigen Verhältnisse wieder, da nicht allein die von den Persern zerstörten 
Denkmäler zu erneuern waren, sondern auch das gesteigerte Selbstgefühl   
sich nur durch eine möglichst glänzende Art der Wiederherstellung zu ge- 
nügen vermochte.  
Der Charakter der Bauwerke dieser Epoche ist ein strenger, feier- Charakter 
licher , alterthünnlich befangener. Es wird Bedeutendes erstrebt, aber man Bßtiijikm 
fühlt die Mühe und Anstrengung dieses Strebens. Der dorische Styl steht 
im Vordergrunde und erfahrt sowohl im Mutterlande als auch in den west-  
liehen Colonien Unter-Italiens (Gross-Griechenlands) und Siciliens eine 
eben so häufige Uebung als charaktervolle Behandlung. Nur behält in jenen 
entlegneren Cultursitzen eine besonders schwerfüllige und herbe Auffassung  
des Styles noch in späterer Zeit die Oberhand , so dass man für diese Ge- 
genden die Grenze der ersten Epoche um 50 Jahre weiter herunter, etwa 
in den Anfang des vierten Jahrhunderts vor Christo, rücken muss. Der Ißnisvhe-S- 
ionische Styl dagegen wurde überwiegend in Kleinasien geübt, doch ist kein 
irgend erheblicher Rest davon, wie es scheint, auf uns gekommen. Bemer- 
kenswerth finden wir jedoch, dass nach d'en Nachrichten der Alten.die 
ersten Tempelbauten, von welchen wir erfahren, gleich in grossartigster 
Ausdehnung selbst schon in dipteraler Anlage aufgeführt werden. Von dem 
wahrscheinlich um die Mitte des sechsten J ahrh. erbauten grossen Temp el 1101710011 auf 
der Hera auf Samos sind nur einige Trümmer erhalten, an welchen die sinnlos 
einfache Behandlung der ionischen Säulenbasis beaehtenswerth ist. Es zeigt 
sich hier nämlich nur ein Trochilus , dieser obendrein sehr hoch und von  
geringer Einziehung, aber gleich dem darüber befindlichen Torus mit hori- 
zontalen Parallel-Rinnen bedeckt. Der Tempel wurde von Rlwelcos und 
Tlwodm-os aus Samos, die zugleich als berühmte Erzgiesser genannt 
werden, errichtet. Das kolossalste aller griechischen Gebäude dagegen, der 
A rtc mi s te mp el zu E p h e su s , ein achtsäuliger hypäthraler Dipteros Artemision zu 
von 225 zu 425 Fuss, ist durch Herostrats wahnsinnige Ruhmsuclrt ver- Ephesu" 
niehtet und unter Alexander dem Gr. durch dessen Architekten Deino- _ 
kra tes wieder hergestellt worden. Später auf's Neue durch ein Erdbeben 
zerstört, musste er seine Trümmer zum Bau deliSophienkirche in Constan- 
tinopel hergeben. Ebenfalls um die Mitte des sechsten J ahrh. durch Über- 
s-ipltrovz und dessen Sohn Jlletageazes begonnen, wurde er erst nach  
zwei Jahrhunderten durch die Baumeister Demctrios und Paeonios 
von Ephesus vollendet. Sowohl durch die Pracht des Materials, als auch 
durch die ausserordentlichen mechanischen Hülfsmittel, mit denen man die 
Fundamentirung auf einem Sumpfboden angelegt und die riesigen Marmor-  
trommeln zu den 60 FuSS hohen Säulen und den gegen 30 Fuss langen 
Gebülkblöcken bewegt und gehoben hatte, erwarb er die Bewunderung der  
gleichzeitigen Schriftsteller. Krösus soll monolithe Marmorsäulen dazu ge- 
schenkt, und alle kleinasiatischen Griechen sollen zum Baue beigesteuert 
haben. Ueberhaupt scheint die Theilnahme an solchen künstlerischen Unter- 
7 f 
        

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