Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ; mit 448 Holzschnitt-Ill.
Person:
Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1679428
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1681063
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Zweites Buch. 
Die Epochen der griechischen: Architektin. 
Ursl 
griv 
län 
fiinge. In dem Augenblicke, wo die Griechen aus dem zweifelhaften Dümmer- 
scheine der mythischen Vorzeit in die Tageshelle geschichtlichen Daseins 
hcrvorschreiten, tritt uns auch das System ihrer Architektur als ein bereits 
fest geordnetes entgegen. Die ersten Keime desselben nachzuweisen ist uns 
versagt; ihre Urgeschichte hüllt sich in geheimnissvolles Dunkel. WVas man 
unter der Bezeichnung kyklopiseher Werke zusammenfasst, unterscheidet 
sich, wie oben bereits bemerkt wurde, so wesentlich von den Formen eigent- 
lich griechischer Architektur, dass wir ihm nur eine untergeordnete Stelle 
ung der in den allgemeinen Vorbemerkungen einräumen mochten. Viele Bewegung 
 hat seit langer Zeit in der archäologischen WVelt die Frage nach dem Ur- 
s prung der grie chis eh en A rehitek tur hervorgerufen. Gediegene 
Forscher haben einen innern Zusammenhang der griechischen Cultur mit 
der hoehalterthümliehen asiatischen und ägyptischen angenommen und kein 
Bedenken getragen , die Formen des dorisehen Styls aus der ägyptischen, 
die des ionischen aus der vorderasiatisehen Architektur abzuleiten. Neuer- 
dings t1'itt diese Richtung , gestützt auf die kürzlich lebhafter und erfolg- 
reicher als je geführte DUIChfOISClIIIIIg jener Länder, wieder entschieden in 
den Vordergrund. Man meint die dorische Süule mit ihren Canelluren, 
ihrem Abakus, den Zahnsehnittfries und manches Andere an den frühesten 
ägyptischen Denkmälern nachweisen zu können, und glaubt damit unwider- 
leglich dargethan zu haben, dass der dorische Bau kein urthümlich helle- 
niseher, sondern ein entlehnter, von den Griechen nur zu höchster Anmuth 
und zu einem consequenten Bausystem durehgebildeter sei. Ohne hier eine 
weitläufige Widerlegung zu versuchen, müssen wir uns begnügen, diese 
Ansicht als eine dem Wesen des griechischen, zumal des altdorischen Stam- 
mes widerstreitende zu bezeichnen. Ein-Volk, das einen solchen, auf keiner 
früheren Stufe auch nur entfernt geahnten oder angedeuteten Styl erschaffen 
konnte, bedurfte nicht der Entlehnung fremder Formen. YVer die helle- 
nisehe Steinbalkendeeke und das hellenische Steindach ersann, dem war es 
ein Leichtes, auch die entsprechende Süulenform mit allem Zugehörigen 
ebenfalls aus sehöpferischem selbsteignen Geiste zu erfinden. Uebrigens 
muss es gesagt werden, dass solche Streitfragen und Untersuchungen im 
Grunde für die Sache gleichgültig sind. Nicht woher die griechische Archi- 
tektur gekommen, sondern wie beschaffen sie gewesen, ist die Frage. lfür 
uns beginnt die Geschichte der griechischen Baukunst erst da, wo die Ge- 
schichte der griechischen Staaten anfängt. 
Epoche. 
Erste 
Charakter 
der ersten 
Epoche. 
Von der Solonischen Zeit bis auf Kimon. 
(590  470 v. Chr.) 
In dieser Epoche finden wir die einzelnen Staaten bei den Griechen in 
der ersten Kraft und Frische der Entwicklung. Die VerhältniSSß hatten 
noch einen durchweg einfachen Zuschnitt, und namentlich hielt sich das 
Privatleben in den Schranken einer bescheidenen Mässigkeit. Während 
sich aber jedes städtische Gemeinwesen individuell gestaltete und seinen 
Sondercliarakter zu hoher Selbständigkeit entwickelte, fehlte es auch nicht 
der
        

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