Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1674251
Keramik. 
Gefässtheile. 
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der Komposition. Man kommt bei solchem Nachdenken wie von 
selbst auf die Erfindung. 
Bestimmende Umstände, äussere und innere, veranlassen zur 
Wahl schlanker oder gedrungener, spielend heiterer oder mysteriös 
düsterer Formen; diese Charaktere der Form lassen sich noch mit 
Beihülfe des Ornaments und der Farbe willkürlich nuanciren und 
für jede Tonart umstimmen. 
So z. B. sind Reifen und Zonen, die einen Gefässkessel hori- 
zontal umkreisen, Mittel der Verkürzung und Erweiterung, deren 
Wirkung durch ihre häufige Anwendung vermehrt, durch Inter- 
missionen gemildert werden kann. Dieses Prinzip der Ornamen- 
tation charakterisirt die gedrungenen Gefässformen ältesten Stils 
(s. die Figuren auf S. 58, 59, 65, 76 rechts). 
Anders u.;d umgekehrt wirken Hohlleisten, Riefen und Stäbe, 
die, vom Fusse auslaufend, an dem Bauche des Gefasses hinauf- 
steigen. Sie sind in kontinuirlicher und dichtgeordneter Anwen- 
dung Mittel der Verlängerung und lassen eine Form schlank er- 
scheinen. ' 
Anders wirken sie, wenn die rings um den Bauch aufwärts 
geführten Einschnitte durch breite Zwischenräume getrennt sind, 
oder diese gar sich schwellend zwischen den Einschnitten heraus- 
heben d. h. Höcker (bosses) bilden, dergleichen häufig bei mittel- 
alterlichen Goldschmiedsarbeiten vorkommen. Durch sie wird eine 
Form faktisch und für das Aussehen gekraftigt und erweitert. 
Man darf dieses Motiv daher nicht fortsetzen, wo der Bauch eine 
Einziehung erhalten soll. 2 
Die Kannelüren, Stäbe und dergl. durch Zonen horizontal zu 
durchbrechen und oberhalb der Zonen wieder aufzunehmen ist im 
Allgemeinen nicht rathsam, obschon auch dieses Motiv in Fällen 
gestattet sein mag. Sehr gewöhnlich dagegen ist das Aufhören 
und Endigen derselben auf gewisser Höhe des Kessels, wodurch 
dann dieser eine Gliederung erhält, indem er wie die Blüthe 
aus ihrem Stuhle, aus dem gerieften Unterkelche entwächst. 
Auch kann ein geriefter Hals aus einem glatten Kessel hervor- 
gehen (Siehe Figur auf S. 90). 
1 Sie sind daher auch bezeichnend für die eleganten und schlanken Ge- 
fässe des vollendeten Stils, 
2 Ueber die technische Entstehung und Bedeutung dieser Motive siehe 
weiter unten. 
Semper,
        

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