Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1678726
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Elftes 
Hälllpfstüßk. 
Leben. In dieser Beziehung sind gewisse Plltenbeinschnitzwerkv 
auf Diptyehen, Bücherdeckeln und sonstigen Gegenständen, beson- 
ders aber einige metallene Kirrhengeräithe stilgestrhiehtlich wichtig, 
gleichsam als Erstgeburten der Vermählung des alt-nordischen 
Draehengeivirrs mit der antiken aber in romanischer Auffassung 
durchaus selbständigen Akanthusranke. Zu den ältesten und 
schönsten Beispielen dieser romaniseh-nortlischen Ornanientik ge- 
hören die Elfeubeinhildnereien des Abtes Tutila von St. Gallen 
(T 912), auf denen das romanische Rankenwerk schon in seiner 
Eigenthümlichkeit vollständig ausgebildet hervortritt. Das be- 
rühmteste und grösste Werk dieser Art ist der aus Erz gegossene 
fein eiselirte siebenarmige Leuchter der heil. Maria in dem Dome 
zu Mailand,  aber erst ein Werk des l3ten Jahrhunderts und 
wahrscheinlich der grössere und schönere Ersatz eines bei der 
Zerstörung von Mailand im Jahre 1162 geraubten älteren gleich- 
artigen Kirchenschmileks. Letzterer wurde dem Herzog Wladislaw 
von Böhmen als lteute zu Theil und in die von ihm erbaute 
ältere St. Veitskirche gestiftet. 1 Aehnlieh dem mailitntlisehen ist 
er in der Ausführung noch roh, während dieser als ein in seiner 
Art Vollendetes llleisternerlä der Künste des Metallgiessens und 
der Toreutik gelten darf. Obschon in der Zeit entstanden, wie 
das gothische System schon anfing auf die Kleinkiinste zu drücken, 
zeigt sich an ihm dennoch keine Spur von gothiseher Nachahmung 
und dekorativer Benutzung der Architekturformen. Organisch 
wie ein Aloestengel wächst der siebengearmte Leuchter aus dem 
Drachenknäuel hervor, das seine Wurzeln umsehlingt. Das Figür- 
liche, obschon voll edlen Sehwungs, in geistreiehster Naturalistik 
gehalten, zeigt dennoch Spuren eines gewissen byzantinischen 
Einflusses, der jedoch ein günstiger war, indem er der natura- 
listisehen Tendenz des Bildners Schranken setzte und die strenge 
Weihe des heiligen Geräthes hob. 2 
Offenbar tritt an diesem und ähnlichen Werken schon die ent- 
sehiedenste Opposition gegen das genannte System und dessen 
Druck hervor. Diese theilweise Unabhängigkeit der Kleinkünste und 
besonders der dekorativen Metallarbeit von der Baukunst (lauert 
noch fort, selbst nachdem durch deutsche Meister und den allge- 
1 v. Hagen Br. i. d. Heimat. Bd. I. S. I1. 
2 Abbildungen davon in Didrorfs Ann. Aehnliehe Kandelaber im Dome zu 
Braunschweig und sonst. Ilimusiner Kerzentriiger ähnlichen Stils in Didrmfs 
Ann. passim.
        

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