Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1678226
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Elftes Hauptstück. 
alter mit richtigen: Stilsinne benützte, wie keineswegs seltene 
derartige Funde beweisen. Sie und ihre technische Behandlung 
waren fast bei allen mit dem Gebrauche des Erzes betrauten 
Stämmen nahezu die gleichen. Man erkannte ausser ihren mehr 
passiven, d. h. deckenden und schützenden Eigenschaften auch 
ihr tbätig struktives Wesen und machte aus ihnen Agratfen, Heftel 
zur Verbindung und Befestigung der Gewänder, mit einem Worte, 
Verbindungstheile aller Art. Auch die Corsets unserer Damen 
wurden durch sie vertreten, zur Bändigung und zum gleichzei-V 
tigen Schutze der Brüste. 1 
Wir berührten sie etwas ausführlicher, weil wir manche Er- 
scheinungen der ältesten, sowie selbst der vorgerückten Kunst auf 
sie zurückzuführen oder wenigstens mit ihnen in Bezug zu setzen 
geneigt sind, Typen, welche die Kunst festhielt und überall, zum 
Theil unbewusster Weise, in ihrem ursprünglichen Sinne anwandte. 
Die Spirale ist das gemeinsame Flächenornament aller Völker, 
die damit in früher Zeit in fast gleicher Weise ihre Metallgeräthe, 
ihre Töpfe, ihre Wandgetäfel, 2 sogar ihre eigene Haut verzierten, 
denn sie ist auch Grundlage der Tättowirungs-Formalistik. Man 
hat den Ursprung dieses Musters in der Natur gesucht, die aller- 
dings schönste Vorbilder dafür in reicher Fülle hervorbringt, 3 
allein die ältesten dekorativen Motive sind nicht aus der Natur 
entnommen, sondern technischen Ursprungs. Erst später findet 
die Kunst Analogieen der Natur, die den bereits technisch for- 
mulirten Typen entsprechen, weiss sie letzteren damit höheren 
Ausdruck und neuen Reiz beizugeben. Die Spirale ist z. B. als 
wirkliches Hefte], oder als Ausdruck für dasselbe, Verbindungs- 
glied an den Stellen, wo Henkel und andere Theile eines Topfes 
an den Bauch desselben befestigt sind; erst nachher tritt sie 
auch hier als lockeres Pflanzengeflecht auf. Auch die Hefte] und 
Hülsen an assyrischen Metallgeräthen 4 sind noch der alten tech- 
nischen Symbolik zuzurechnen, obschon an ihnen das Motiv be- 
1 In keltischen und ünnischen Gräbern finden sich derartige Brustzierden 
in der Regel neben Ueberresten weiblicher Leichen.  Spangen oder spiral- 
förmige Ringe aus edlen Metallen waren zugleich Ehrengeschenke, Tausch- 
mittel, eine Art Münze. S. Weinhold, skandinavische Alterthiimer. 
2 Sßllatzhaus des Agamemnon. Bd.. I. S. 439-440. Töpfe, ebendas. und 
Bd. II. Keramik. 
3 Man dachte an die Meereswoge, die Ranken gewisser Pflanzen u. dergl. 
4 Vergl. S. 273 u. 378, überhaupt den ganzen g. 65 des ersten Bandes.
        

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