Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1678024
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Zehntes 
Hauptstück. 
Zeit uns ursprünglichere, wenn auch dem Alter nach spätere 
Beispiele dieser Kombination entgegentreten. 1 Die grosse Vor- 
liebe der Römer für die korinthische Weise scheint Wirklich zum 
Theil auf alter Anhängliehkeit für das Ueberlieferte zu beruhen, 
dem sie  auch in ihrer plastisch dekorativen Töpferei stets ge- 
treu geblieben sind. Allerdings aber erklärt sie sich auch voll- 
ständig durch die praktiseh-zweckliche und zugleich pomphafte 
Röinerart, durch den Universalismus des weltbeherrschenden Volks, 
dem das korinthische Schema, wegen seiner realistischen Pracht, 
vornehmlich aber Weil es über gewisse Schwierigkeiten und stili- 
stische Schranken in der Anwendung beider älteren Weisen be- 
quein hinweghob und allgefügig war, am meisten entsprach. 
In der That, diese Ordnung ist die eigentlich römische, ob- 
schon gemeinhin nur eine Abart derselben so benannt wird. Sie 
dorisirt und asiatisirt zugleich, wie das Römerthum, denn dieses 
ist ein Weltbürgerlicher Dorismus; sie ist diejenige von dem raffi- 
nirten Geschmacke der Spätzeit hellenischer Kultur ausgetragene 
Modifikation ältester im Bewusstsein der Völker fortlebender 
Ueberlieferungen des Bauens, unter der diese bei den Völkern, 
die Rom sich unterwarf, unglaublich rasche Wiederaufnahme fan- 
den, unter der sie sogar noeh durch das ganze Mittelalter, wenig- 
stens in ihren formalen Elementen, sich erhielten, wenn schon halb 
verwischt und ihrer wahren Bedeutung entfremdet. Sie ist es 
auch, an welcher sich das immer noch im Volke schlummernde 
urthümlieh indogermanische Baugefühl in der grossen Zeit der 
Renaissance bei dessen Erwachen zuerst wiederfand. An dem 
Studium der römischen Alterthümer wuchs die neue Kunst zu 
jener köstlichen Freiheit des Schaltens über die antiken Vorbilder 
heran, in welcher sie sich ihren selbst die alte Kunst verdunkelnden 
Ideenreichthum und Glanz erwarb. Vielleicht wäre diese für sie 
lebensbedingende Freiheit schon damals gefährdet gewesen, hätte 
sie ihre ersten Impulse durch die reineren aber ausschliesslicheren 
Formen der griechischen Tempel zu Pästum und auf Sicilien er- 
1 Der Tempel zu Praeneste, der wahrscheinlich gleichzeitige Vestatempel 
zu Tivoli, die Basilika und andere altkorinthische Werke gleichen Stils zu 
Pompeji. Diesen verwandt, aber schon dem griechischen Akanthus nachgebil- 
det, sind noch die Blattformationen der augusteischen Zeit. Folgt dann das 
weiche naturalistisch behandelte Silphium, auf Monumenten "der mittleren 
Kaiserzeit.
        

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