Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1677088
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Neuntes Hauptstück. 
sind und als selbständige Einheiten zum Theil ihre quantitative 
Geltung verlieren. 
Dieses Mittel durch Verminderung der Einheitsnorm das Ganze 
scheinbar zu vergrössern, hat also bei grossen Monumenten seine 
optischen Grenzen. 
Aber auch bei kleinen Monumenten findet es nur beschränkte 
Anwendung, weil ein Minimum dieser Norm durch die Natur der 
Stoffe gegeben ist. 
Ferner wirken die Einheiten nicht blos als geometrische Grös- 
sen rein optisch, sondern zugleich als Massen, in dynamischem 
Sinne, durch das Auge auf den Geist;  dieser Eindruck kann 
durch formale Behandlung und Art des Zusammentretens dieser 
Einheiten bedeutend vermehrt werden. 
Die optischen und dynamischen Wirkungen gehen aber 
nicht Hand in Hand, vielmehr bilden sie Gegensätze, deren Ver- 
mittlung zu den richtigen Verhältnissen der Einheitsnormen unter 
einander und zum Ganzen führt. 
Nicht nur die Verhältnisse an sich, sondern auch die Verhält- 
nissgesetze ändern sich nach den absoluten Grössen und nach 
den Charakteren der Bauwerke, an denen sie Anwendung finden. 
Aber ähnlich wie in der Musik die Zahl der Tonintervallen und 
der Tonarten unendlich wäre, hätte die Kunst sie nicht auf 
wenige reducirt, um sie beherrschen zu können, eben so hat die 
Baukunst sich bestimmte Kanones der Verhältnisse mehr oder 
minder willkürlich festgestellt, die zwar zunächst nur die Tek- 
tonik betreffen, die aber nach dem harmonischen Gesetz, das alle 
im Bauwerke zusammentretenden Momente der Gestaltung durch- 
dringt und verknüpft, auch auf den Fugenschnitt Anwendung 
linden. 
Man setzte die Normen der Quader in bestimmte Be- 
ziehungen zu den Modulen und Normen der Säulenordnungen, 
die dem Charakter und Inhalt des Gebäudes oder Gebäudetheiles 
entsprechen, an dem die Quader vorkommen. 1 
1 Wer den Zwang der Säulenordnungen abwirft, muss sich dafür einen 
anderen Kanon schaffen, oder Charakter und subjektiven Ausdruck in der 
Baukunstlgeradezu verleugnen, ihr nur das Recht allgemein-typischen Inhalts 
.zu_erkennen. Wer keinerlei Fesseln kennt, dessen Kunst zerfährt in form- 
und bedeutungsloser Willkür. 
Der vermeintliche Erfinder eines neuen Kanons hätte sich jedoch besten 
Falles am Ende nur selber getäuscht und das Wesen des alten nicht verändert,
        

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