Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1677028
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Hauptstück. 
Neuntes 
mineralische Gesetz, das im Gemäuer thätig ist, zwar künstlich 
aber zugleich naturgesetzlich ausdrücken. Meines Wissens waren 
sie den Alten unbekannt. Die Frührenaissanee wusste sie auf 
das Beste zu verwerthen. 
Bei den sogenannten Polsterspiegeln , die nach bestimmter 
Chablone sich nach allen Seiten abwölben, drücken zu weit aus- 
ladende und zu weiche gleichsam hervorquillende Profile, statt 
die Spannkraft zu veranschaulichen, wie sie es sollten, vielmehr 
ein kissenartiges Nachgeben des zwischen der Last und der Unter- 
lage gleichsam gequetschten Steins aus. Es verhält sich damit 
wie mit dem dorischen Echinus, dessen Gesetz und Geschichte 
hier Berücksichtigung verdienen. (Siehe auch im Folgenden über 
ionische Kapitale.)  
x Die flachen ganz ebenen Spiegel mit abgeschrägten Seiten- 
flächen, die sich in der Fuge begegnen, sind den Diamantquadern 
verwandt, aber minder ausdrucksvoll. 
Wirksamer sind die ebenen Spiegel, wenn sie nicht abge- 
schrägt sind, sondern wenn ihre Vorsprungflächen scheitrecht auf 
die Mauerfläche stossen, wegen des scharfen Schlagschattens, den 
sie werfen. Sie wurden von Griechen und Römern in der höheren 
Baukunst, beim Tempel- und Häuserbauf zumeist angewandt, auch 
die Meister der Hochrenaissance zeigen für dieses einfache Schema 
eine Vorliebe.  
Nochpmehr Reichthum und Zierlichkeit gewinnt der Quader 
durch Profilirungen, d. h. durch die Anwendung jener 
bereits bekannten in der Weberei, der Töpferei und der Tek- 
tonik zuerst benützten dekorativen Typen, die seit Urzeiten 
in der Baukunst galten und Struktur-symbolische Bedeutung ge- 
wannen. Das Gewöhnlichste ist der Viertelsstab (die Echinus- 
welle) als einfassendes Glied des Spiegels, das mit einem Stäb- 
chen an die Fugenfläche anknüpft. Der Spiegel wird von allen 
Seiten durch diesen Schmuck eingefasst, zugleich wird der Druck 
und Gegendruck von oben und unten durch ihn auf den Spiegel 
übertragen, wonach Sein Proül und seine bildnerische oder malerische 
1 Auch die von Kyros erbauten Terrassen von Pasargadä sind in glattem 
scharf umrändertem Quaderwerk, ganz gleich dem Unterbau der Parthenons zu 
Athen. Sogar bemerkt man an beiden schon hie und da die Anwendung falscher- 
Fugen. Nachher, unter der Dynastie des Darius, verliess man wieder den 
griechischen Kanon und baute in grossen zwar lagerrechten aber ungleichen 
Blöcken mit zum Theil schrägen Stossfugen und ohne Bossage (Persepolis).
        

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