Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1677018
Stereotomie 
(Steiukonstruktion). 
Zwecklich-Formelles. 
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Quader, der mannichfach variirt werden kann. Man gibt z. B. 
dem Spiegel vier scharfe Kanten nach den Diagonalen seiner vier 
rechten Winkel, indem man ihn von allen Seiten nach der Mitte 
zu abböscht. Wohl noch sprechender wäre das Abschrägen 
nur von den beiden Horizontalfugen aus, weil das Auswölben 
des Spiegels, für den Druck und Gegendruck charakteristisch, 
nach Seitwärts keineswegs motivirt ist. 1 Uebrigens gehört der- 
artiges Zurichten des rohen Spiegels schon zu den Verfeinerungen 
der Behandlung und technischen Darstellung der beiden formalen 
Bestandtheile des Quaders, wodurch seiner naturwüchsigen Derb- 
heit schon ein gewisses Mass von Eleganz und Kunst beigegeben 
wird. Gegen diese Zähmung des derben naturwüchsigen Motivs, 
das, wie gezeigt wurde, für den Unterbau als Repräsentanten des 
makrokosmischen Moments der Gesammtform so bezeichnend ist, 
lässt sich prinzipiell eben nichts einwenden, weil einmal die Kunst 
alles umbildet; ja sie wird fast nothwendig, so wie der Quader 
als solcher auch an anderen Theilen des Baues, die nicht mehr 
Fundament sind, formale oder dekorative Anwendung findet. 
Der rohe Höcker des Spiegels wird zu einer zwar rauhen 
aber (mit Hülfe feinerer Werkzeuge als des splitternden Zwei- 
spitzes) regelrecht gekörnten Oberfläche umgebildet. Desglei- 
chen erhalten die Fugenbänder zwischen den Höckern einen regel- 
mässigen „Schlag", der durch seine Rhythmik dekorativ wirkt 
und die anders behandelte Spiegelfläche kontrastlich hervorhebt, 
oder man erreicht das Gleiche durch sorgfältiges Glätten der 
Fugenflächen. S0 lässt sich die rustike Derbheit in eine gewisse 
männliche Eleganz kleiden und ein Ausdruck gewinnen, der dem 
Dorischen in der Symbolik der Säulenordnungen entspricht. 
Man hüte sich dabei nur vor der Verwechslung des Schwul- 
stes mit der Kraft, des Breiten mit dem Grossen, und halte sich 
an den antiken Vorbildern, oder an Brunellesco, S. Michele, Pal- 
ladio, vermeide den frisirten und ausgestopften Schwulst gewisser 
moderner Polsterquader. Unter den künstlicheren Formen sind 
die Diamantquader bemerkenswerth, weil sie das krystallinisch 
1 Doch vermeide man falsche Consequenz, oder vielmehr die An- 
wendung falscher Mittel in der Durchführung derselben. So findet man an 
modernen und mitunter auch an älteren Gebäuden Qnaderwerke, an denen 
nur die horizontalen Fugen markirt sind, was ihnen das sehwächlich-unmonu- 
mentale Ansehen einer Brettverkleidung gibt.
        

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