Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676996
Stereotom ie 
(Steinkonstruktion). 
Zwecklich-Formelles. 
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für sich, nicht mit ihrem Zusammenwirken zu beschäftigen haben. 
Die einzige Bemerkung gehört hierher, dass zwar, absolut be- 
trachtet, ein Quader mit quadratischer Stirniiäche kräftiger er- 
scheint als ein länglichter von gleichem Stirnfiächeninhalt, dass 
aber Stoffbeschaffenheit, Grösse der angewandten Einheiten und 
andere hinzutretende Momente hier den formalen Charakter be- 
stimmen helfen. Ein Quaderwerk aus kleinen Stücken erscheint 
kräftiger, wenn diese dem quadratischen Kanon sich annähern, 
aber nichts übertrifft an Grossartigkeit die aus sehr oblongen 
aber gewaltigen Quadern bestehenden Werke der Phönikier, Italer 
und (modernen) Toskaner. 1 
Der sichtbare Theil des Quaders besteht aus zwei formalen 
Elementen, dem Rande und dem Spiegel. Dieser ist das Um- 
rahmte, jener ist der Rahmen. Aber beide, Spiegel sowie 
Rahmen, sind hier in eigener Weise struktiv thätig, nämlich nach 
Aussen, nicht, wie bei dem tektonischen Füllungsrahmen, nur 
innerlich und in sich zuriickkehrend. Diese Jausserliche Thätig- 
keit gibt sich amkräftigsten im Spiegel, gleichsam dem Stütz- 
punkte der beiden senkrechten Kräfte, Druck und Gegendruck, 
kund. Es waren daher nicht allein Absichten der Oekonomie 
1 Die Grenzen des Verhaltens zwischen Höhe und Länge sind zum Theil 
durch die Natur des Steines, zum Theil durch die Grösse der Quader bedun- 
gen, weil die relative Festigkeit nicht nach einfachem, sondern nach quadra- 
tischem Verhältnisse der Höhenausmessung wächst. Nur bei gewaltigen Dimen- 
sionen und bei Gesteinen von lagerhaftem zähem Gefüge sind Verhältnisse 
statthaft wie die der phönikischen Quader, deren Länge bis zum sechsfachen 
ihrer Höhe beträgt. Aehnliches zeigen die alten Römerwerke und selbst die 
tlorentinischen. In Sicilien und Grossgrieehenland gestattete der poröse Muschel- 
kalkstein nur mittlere Dimensionen, auch ist er bröcklicht, das vorherrschende 
Verhältniss der Quader ist daher dort nur wie 1 zu 2. Die eleusinischen 
Kalksteinquader der Terrassen des Olympiums zu Athen sind 0,606 Meter 
hoch und 2 Meter lang, also wie 1 zu 3. Bei den Kalksteinmauern von 
MYkeY-le, aus Epaminondas Zeit, herrscht das Verhältniss wie 1 zu 2 
(0,700 zu 1,470). Der weisse Marmorquader hatte in der besten Zeit -zu 
Athen ein Verhalten wie 1 zu 2'jg oder etwas driiber (Theseustempel: 0,51 
zu 1,335 M. Parthenon: 0,53 zu 1,223 M. Erechtheum: 0,485 zu 1,300  In 
Kleinasien Scheint die Norm wie 1 zu 2 gewesen zu sein (Priene). Im Mittel- 
alter wurde aus kleinen Werkstücken gebaut, daher nähert sich das Verhalten 
deY Höhe zur Länge der Quader zumeist dem der Gleichheit. Die Stirnüächen 
werden quadratisßh- Beispiele die dekorativen Qlladersubstruktionen der älte- 
sten Paläste z" Venedig. Andere in Spanien und sonst. Im gothischen Stile- 
Vefliert der Quader Seine dekorativ-formale Bedeutung sogar am Unterbau.
        

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