Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676855
Tektonik. 
'l'echnkick-Historisches. 
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solengestütz. Sie leiten gewissermassen den kraftvollentoskani- 
sehen Steinsimms ein, den man ohne ihren Vorgang nicht so 
leicht gewagt hätte. 
Innerer 
Holzbau. 
Es wurde bereits des verzierten freien Dachgespärres in Kir- 
chen als eines wahrscheinlich nicht antiken, sondern früh-mittel- 
alterlichen Motivs erwähnt. Die gothischen Jahrhunderte brach- 
ten auch im Civilbau die dekorative Behandlung des Balken- 
werks in Aufnahme. Im Norden und Süden Italiens, in Siena 
wie in Palermo, scheint dieser Deckenschmuck mehrere Jahr- 
hunderte hindurch geherrscht zu haben. Die Renaissance schafft 
ihn ab, kehrt zu der antiken Plafonddecke zurück und schaltet 
dabei über alle Hiilfsmittel einer sehr reichen, zusammengesetzten 
Technik (Stuckatur, Malerei, Vergoldung), mit jener Freiheit und 
Sicherheit die nur durch Emancipation von den Fesseln der streng 
struktiven Bauprinzipien ermöglicht wird, indem sich das struktive 
Gesetz nicht mehr materiell, sondern symbolisch erfüllt. Erst 
durch die Stuckbekleidung der Decken und Wände wurde die 
Renaissance vollendet, denn diese Technik ist, wie anderer Orten 
gezeigt worden ist, die vorzugsweise antike. Schon der alte 
Palast von Mantua und andere Werke der ersten Frührenaissance 
geben in ihrem Innern Zeugniss von dem Eingehen in die wahren 
antiken Prinzipien bei Handhabung der Stuckaturarbeiten, Prin- 
zipien, die Michelangelo, Giulio Romano, Pirro Ligorio und an- 
dere spätere Meister schon nicht immer berücksichtigten. 
Man benützte selten oder gar nicht den Gypsguss, der auch 
in Pompeji nicht nachgewiesen werden kann; kannte nur das 
Freihandmodelliren in Stuck, die Hohlforrn, womit die Ornamente 
auf den frischen Kalkstuck aufgedrückt werden und die Leier, 
um Profile in graden Linien oder regelmässigen Kurven zu ziehen. 
Von diesen Processen waren die Eintheilungen der Decken und 
Wände, war das Ornament in Beziehung auf Vorsprung, Unter- 
arbeitung, Aufeinanderfolge und Komposition zum Theil abhängig. 
Das Ausführbarste war in der Regel das Beste. Jetzt führen der 
gemeine Gypsguss und der ebenso platte Carton pierre zu allen 
möglichen Ungeheuerlichkeiten, die, an sich abscheulich, durch ihre 
Vervielfältigung und den Marktbetrieb die Vulgarisirung der dekora- 
tiven Kunst beschleunigen und ihr den sicheren Untergang bereiten.
        

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