Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676757
Tektonik. 
'l'echnisch- 
Historisches. 
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und Belgien statt; hier bleiben die Motive lange Zeit gothisch, 
bekleiden sie sich nur mit antiken Formen. 
In Italien nimmt die Renaissance einen noch unerfreulicheren 
Ausgang;  gegen das Ende des 16. und zu Anfang des 17. Jahr- 
hunderts kommen dort die hohen architektonischen Altaraufsätze 
in Aufnahme, gewaltige Bilderrahmen, an denen die bereits auf 
feste Kanons schematisch zurückgeführten Säulenordnungen, 
schwere monumentale Gebälke, verbunden mit Inkrustationen harter 
Steinarten (Jaspis, Achat und Lapis Lazuli), iiorentinischen Mo- 
saikgelnalden, Füllungen aus getriebenem Metall, starken, ver- 
goldeten Kehlstössen, kurz allen ersinnlichen Mitteln der Aus- 
stattung verwandt werden. Das an und für sich arme Motiv ge- 
stattet keine einfache Entwicklung der Säulenrhythmik, welclf 
letztere unbedingt nothwendig wird, wo die Ordonnanz als deko- 
ratives Element in Scene treten soll. Daher verfällt man auf das 
Koppeln und Gruppiren der Säulen nach willkürlichster Ordnung, 
um diese Rhythmik zu erzwingen; bald auch auf die geschweiften 
Flächen, deren Krümmungen die Gebälke und Frontons nachzu- 
folgen haben. 1 
Dieser leidige Kommodenstil wird nun im 17  Jahrhunderte 
auf die Facaden der Paläste, Jesuitenklöster und Kirchen über- 
tragen, er fängt an die ganze Architektur zu beherrschen. Aber 
das kalte Schema der Säulen wird durch die Willkür ihrer Zu- 
sammenordnung nicht wieder vergeistigt; auch das Risalit- und 
Kropfwcrk, die Füllungsarchitektur, die massiven Barokskulpturen 
genügen nicht mehr die in ihren materiellen Massen immer wach- 
senden Verhältnisse und Flachen zu beleben. Die Renaissance 
wird noch einmal durch ein System, und diessmal durch ein 
Sehr äusserliches, inhaltsloses, auf ihrer Bahn zurückgedrängt.  
Doch wir gerathen zu früh in das Gebiet der Baukunst, da 
doch viel Erfreulicheres auf demjenigen vorliegt, was nächstes 
Objekt dieses Paragraphen ist, nämlich in dem Bereich des wirk- 
1 Die Schweifuug der Wandflächen ist bei hölzernen Strukturen an sich 
durchaus nicht prinzipiell verwerflich. vielmehr spricht die Furniturarbeit den 
geschweiften Formen entschieden das W'ort. Das Unheil besteht nur in der 
monumentalen Behandlung dieses dem Holz entsprechenden Motives, das 
z. B. auf Sßhfänke, Kommoden, Tische und Stühle angewandt gerade jenes 
Leben- jene bequeme, schmiegsame und bewegliche Selbständigkeit der mo- 
bilen Strukturen während ider Zeiten des Barnk- und Rococostiles hauptsäch- 
lich förderte und sich entwickeln liess
        

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