Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676707
334 
Achtes 
Hauptstück. 
die gothischen architektonischen Motive, die eine kurze Zeit hin- 
durch (14. Jahrh.) vorherrschen, wieder aufgibt, zum Theil um 
zu den Wahren Grundsätzen der struktiven Symbolik und den 
Traditionen der Antike zurückzukehren, aber dieselben zugleich 
in geistreichster, freiester und geschrnackvollster Behandlung mit 
dem der Antike fehlenden Zauber der Romantik zu umgeben, 
zum Theil freilich auch, um an ihre Stelle andere Scheinarchitek- 
turen, im romantisch frei behandelten antiken Stile, zu setzen. 
Wenn dieses Verfahren, wenn Säulen, antike Gebälke, Balustraden, 
Nischen, Arkaden u. s. w., zur Dekoration an Schränken, Chorstüh- 
len und Möbeln aller Art verwandt, prinzipiell nicht mehr gerecht- 
fertigt sind als die ornamental benützten gothiscß. Strukturen, 
wenn sogar eingeräumt werden muss, dass dabei noch weniger auf 
die Zusammenstimmung der dekorativen Konstruktion mit der 
wirklichen gesehen wurde, als diess in der gothischen Zeit der 
Fall War, so bleibt es doch immer ein Fortschritt, dass nicht mehr 
die nackte, sondern die schon symbolisirte Struktur rein deko- 
rativen Zwecken dient. 
Inimerhin mag diess als eine Verirrung oder als gothischer 
Nachgeschmack der italienischen Frührenaissance gelten, doch zeigt 
es sich zumeist nur an solchem Gesehränke, das zugleich WVand- 
getafel bildet, und sozusagen mit der Architektur verwachsen ist, 
vornehmlich in den Kapellen, Chören und Sakristeien dei- Kirchen; 
seltener sind die streng architektonischen Formen im eigentlich 
beweglichen Möbel, indem ihr dazu die dekorative Ausstattung 
des Rahmen- und Füllwerlzs, des Gestützes und des Geschränkes 
ausreicht. Wo sie architektonische Motive verfolgt, vermeidet sie 
doch wenigstens spielende Nachahmungen wirklicher Bauwerke. 
Es ist bezeichnend, dass diese vielmehr in den Ländern, in 
denen der gothische Stil wirklich geherrscht hatte, besonders in 
Deutschland und Frankreich beliebt wurden. Man vergleiche nur 
die deutschen sogenannten Kunstschranke und die etwas weniger 
gekünstelten "Cabinets", die in Frankreich unter den Valois ge- 
macht wurden, mit früheren und gleichzeitigen YVerken der italie- 
nischen Ebenisterei! (Siehe Holzschnitt S. 335.) 
Der Ruf der italienischen Ebenisten, deren Namen bis auf 
die minder bedeutenden, 1 deren Arbeiten und das Persönlich- 
1 Herr Didron 
und Künstler, die 
Kunsthandwerker 
die Nachwelt zu 
Eitelkeit der italienischen 
waren, ihren Namen auf 
bespöttelt die 
stets bemüht
        

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