Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676685
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Achtes 
Hauptstück. 
stand gegen das (sogenannte gothische) System in Deutschland 
und Italien bemerkt wurde, dass Ueberreste und Spuren dieses 
unabhängigen Strebens in den Kleinkünsten zumeist auf jene bei- 
den Länder zurückführen. Also nicht auf Gegenstände, die die- 
seu Stempel tragen, bezieht sich das am Ende des  155 aus- 
gesprochene ungünstige Urtheil über die Möbeltektoxiik des 
Mittelalters. 
Die Renaissance lag in diesen, wie ich sagte, mit Unrecht dem 
gothisehen Stile zugereehneten spätromanisch gibellinischen Wer- 
ken der Kleinkünste, der Skulptur und Malerei gleichsam latent. 
Sie musste sehr bald zum Bewusstsein ihres Strebens gelangen, 
in einem Lande, wo sich antike Kunsttypen und Pjoeeduren der 
antiken 'l'echnik noch zum Theil durch die Epoche der tiefsten 
Barbarei hindurch traditionell erhalten hatten, wo ausserdem die 
Menge noch vorhandener Ueberreste antiker Kunst, der klassische 
Stil des Bodens selbst und seiner Lineamente, überall und immer 
gegen das gallische System protestirten. Der Fortschritt auf der 
alten romanischen Richtung führte von selber dahin, nachdem 
die eingeführte fremde Mode, das Spielen mit der Konstruktion, 
einmal überwunden war. 1 
1 Wie lief die Weltgeschichte, wenn die Schlacht von SQamis mit der 
Niederlage der Athener endigte? Welche Richtung nahm sie, wenn Hannibal 
Rom und nicht Scipio Karthago zerstörte? Was wurde aus dem Westen Euro- 
pa's, wenn der im Mittelalter dort entbrannte Kampf zwischen Pabst und Cäsar 
mit dem Siege des letzteren endigte?  Fragen deren Beantwortung die 
WVissenschaft als miissig zuriickweist. Ist es aber mehr in. ihrem Geiste in 
jedem fait accompli der Geschichte eine Nothwendigkeit, in dem besiegten 
und zu Grunde gerichteten Friiheren die Vorexistenz und gleichsam den 
LarvenzustandDesjenigen zu sehen, was siegte und auf den Trümmern des 
Alten gross ward? So verfährt die Archäologie des Mittelalters, wenn sie den 
romanischen Stil als einen Uebergang zum gothischen betrachtet, während es sich 
hier doch vielmehr um die architektonischen Ausdrücke jener beiden grosseil 
Gegensätze handelt, welche einander in allen Verhältnissen und Zuständen 
dieser Periode des Mittelalters bekämpften. Dieses grosse Drama mit allen 
seinen Wendungen und Verwicklungen auf diesem Gebiete, nämlich auf dem 
der Kunst, zu verfolgen, wäre wohl ein würdiges Thema der tenrlcnzfrläien 
Kunstforschung.
        

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