Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 239 in den Text gedr. Holzschn. und 5 farb. Tondrucktaf.
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1673108
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1676659
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-Histon 
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irgend ein anderes befähigt zeigt, wo das Talent des Organisirens ' 
fast jedem Einzelnen angeboren ist, wo jeder die höchste Be- 
friedigung; des Selbstgefühles darin Endet, in einer grossen Ge- 
meinschaft aufzugehen und sich stark und glanzvoll repräsentirt 
zu sehen. 
In dem ilormännischen 2 Gallien und hin und wieder sonst 
hatte schon im 11. Jahrhunderte das System gleichsam unbewusster 
Weise baulichen Ausdruck gewonnen, ehe es gleichzeitig mit den 
blutigen Kreuzzügen gegen die Ketzer in dem vollendeten gothi- 
schen Baustile seiner selbst bewusster hervortrat. 
In Deutschland fand es dagegen erst nach dem Untergang der 
letzten Träger der romanischen Kaiseridee zögernden Eingang 
und zwar zuerst in den Rheinlanden, während noch gleichzeitig 
der romanische Stil die schönsten Blüthen trug, 3 wo immer die 
alte Reichsidee noch wurzelte, vorzüglich in den sächsischen Lan- 
den. InJtalien wurde es, wie gesagt, prinzipiell niemals aner- 
kannt, noch selbst verstanden. 
So stehen sich lange zwei Prinzipe einander gegenüber und 
theilt sich die mittelalterliche YVelt in zwei Lager, deren jedes 
sein architektonisches Symbol hat. Aber auch in den Lagern selbst 
herrscht Zwiespalt; namentlich macht sich in dem siegreichen 
gothischen Systeme sofort ein Auflehnen der freien Künste gegen 
dasselbe bemerkbar. 
An dem Westportale der Kathedrale von Chartres erheben sich 
steif hieratische, fein gefältelte, säulenhaft gestreckte und gebun- 
dene Statuen, die mit ihrer Umgebung, den gothischen Säulen- 
biindeln, völlig in Eins verschmelzenfl Sie sind in ihrer maje- 
stätischen Starrheit das wohl durchdachte Werk des Systems, 
das durch strengen Schematismus den (früheren und gleich- 
1 Was der Franzos unter Organisiren versteht, ist bekannt. In gleichem 
Sinne ist dieses Wort zu fassen, wenn der gothische Stil von seinen Anhän. 
gern als vorzugsweise organisch bezeichnet wird. 
2 Die Normannen sympathisirten in ihrem kriegeriseh systematischen Wesen 
mehr als die Franken mit den Galliem und versehmolzen Vviel schneller mit 
letzteren in Eins. Sie waren überall die besten Soldaten des Pabstes. 
3 W35 unter hohenstanfischer Farbe in den Künsten und in der Poesie 
entstand. ist ein Gegensatz des Gothischen. Das Nibelungenlied protestirt gegen 
die siegreiche Tendenz des Mittelalters wohl novh entschiedener als die gött- 
liche Komödie des Dante. 
4 Andere ähnliche zu Corbie, St. Lonp, Rampillon etc. 
Semper, Stil II. 42
        

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